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Gazania
Haradrim-Krieger


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Dabei seit: 16.09.2009
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[ Mein bisher größtes Schreibprojekt. Ich hoffe es gefällt und ihr habt soviel Spaß beim Lesen wie ich beim Schreiben. Bitte hinterlasst mir einen kleinen Kommentar oder etwas ehrliche Kritik, schließlich will ich mich ja auch verbessern. ]




Wo der Pfeffer wächst.
oder: Ein Reisebericht





Selbst freudloseste Geister schüren,
wenn sie die Perfektion entdecken,
die Feuer, die sie brennen spüren
und die den Ehrgeiz schnell erwecken.
Wird das Leben erfüllt mit Lust
zu machen, was sonst niemand schafft,
stets mehr zu tun, als man muss,
hat Leidenschaft das Herz erfasst.






In Bree

Kommt ein Jüngling in Bree zur Welt, so ist es ihm meistens schon von vornherein bestimmt, das Handwerk seiner Eltern fortzuführen. Nicht, weil er dazu genötigt würde oder weil es seine Pflicht sei, nein, ganz einfach deswegen, weil er schon auf Kindesbeinen von ihnen lernen kann.

Meine Eltern waren einfache Leute, die ihr Handwerk mit einer Leidenschaft vollzogen, die ihresgleichen sucht. Wir nannten einen kleinen Hof unser Eigen, der eine kleine Hütte zum wohnen, eine Scheune und einen Stall für eine Handvoll Schweine, zwei Kühe und ein paar Hühner umfasste. Hinter unserer Hütte gab es ein kleines Feld, auf dem mein Vater Tagein, tagaus arbeitete und seine Kohlrabis, Kartoffeln, Möhren, Tomaten und jede Menge anderes Gemüse, Obst, Korn, Gewürz- und Krautgewächs züchtete und pflegte. Stand, oder besser kniete er gerade nicht auf dem Feld, molk er die Kühe oder versorgte die Tiere. Und meine Mutter war eine Meisterin darin, seine Ernte zu zermatschen, zermahlen, zerreiben, zerschneiden oder schälen und daraus nicht nur allerlei Gerichte sondern auch Getränke, Marmellade, Gebäck und sogar die eine oder andere Tinktur herzustellen. Und ich, ich war bei alledem dabei.

Eines Abends, als ich das Essen zubereiten wollte, hielt meine Mutter mich davon ab. Ich war ein wenig irritiert, für gewöhnlich sorgten wir gemeinsam dafür, dass der Abendtisch gedeckt und ein zünftiges Mahl bereitstand, bevor Vater mit seiner Feldarbeit fertig war, doch diesen Abend schaffte sie eine große Holzkiste aus der Vorratskammer herein, das schon beim öffnen einen unbeschreiblich köstlichen Duft verströmte. Sie bat mich, meinem Vater ein wenig bei der Ernte der Radieschen zur Hand zu gehen und als wir nach getaner Arbeit wieder hereinkamen, stand ein wahres Festmahl auf dem Tisch. Auf den ersten Blick sah ich gebratene Pilze, geräucherten Speck, eine Schale voll Brötchen, Eier, ein Omlett, Hühnchenschenkel, ein paar vermutlich gefüllte Törtchen, die leicht dampften und eine Menge anderes Zeugs, das ich nicht zu identifizieren vermochte.

Es schmeckte köstlich, nein, es schmeckte umwerfend. Meine Mutter hatte noch nie etwas schlechtes gekocht, aber das hier war ihre Meisterleistung. Es stimmte einfach alles. Kein Krümel Pfeffer zu viel oder zu wenig, der Speck war keine Sekunde zu lang oder zu kurz geröstet worden, die Pilze schmeckten, als seien sie in der exakt richtigen Minute gepflückt und verarbeitet worden, nie hatte ich etwas so leckeres, etwas so großartiges gegessen wie an diesem Abend. Das war kein Kochen mehr, das war Kunst, die Perfektion der Erzeugung von Geschmack. Ich schlang das Essen herunter, hielt aber immer wieder inne, um den Geschmack sich entfalten zu lassen und nahm den nächsten Bissen, während der andere noch an meinem Gaumen brodelte, eine Explosion von Glücksgefühlen jagte die andere. Auf meiner Zunge spielte sich unglaubliches ab, eine Schlacht zwischen scharf und süß, ein Wechselbad zwischen trocken und saftig, das sich bei jedem Bissen änderte und meinen Kopf durchspülte. Mehr, mehr! Ich konnte riechen, wie sich das Essen in meinem Mund entfaltete und schämte mich zugleich für meine stümperhaften Versuche am Herd, die niemals mit dem konkurrieren konnten, was ich eben durchlebte. Bisher war ich der Annahme, dass das Werk eines Kochs mit dem Servieren der Speisen beendet und das Essen nur eine Notwendigkeit war, doch was hatte ich mich getäuscht! Das Essen war Genuss und der Genuss war die Erfüllung des Lebens in sich. Wieviele Jahre meines Lebens ich mit minderwertigen Speisen verschwendet hatte! Einen Moment lang dachte ich darüber nach, meine Berufslaufbahn zu ändern und Schmied zu werden, doch ich besann mich schnell eines besseren und fragte mich, weshalb meine Mutter mir derartige kulinarische Meisterleistungen nie zuvor beigebracht oder sie zubereitet hatte.

Als alles aufgegessen war, saßen mein Vater, meine Mutter und ich schweigend am Tisch, rieben uns die vollgeschlagenen Bäuche und lächelten zufrieden. Muttern brach das Schweigen. "Mein Sohn," sagte sie und sah mich ernst aber gutmütig an, "die Zeit ist gekommen, wo wir dir nichts mehr beibringen können." Nach diesem Mahl wollte ich sofort protestieren, beinahe wäre ich aufgesprungen, aber ich war wie an meinen Stuhl gefesselt und befürchtete, bei zu schnellen Bewegungen zu platzen und sie ließ mich garnicht erst zu Wort kommen. "Du hast alles gelernt, was ich über die Zubereitung von Mahlzeiten weiß und kannst die Felder bewirten und das Vieh versorgen, wie dein lieber Vater es nicht besser könnte. Himmel, manchmal glaube ich, du kannst mit den Viechern sprechen, so glücklich wirken sie nach deiner hingebungsvollen Pflege." - "Nein, ich..." wollte ich sie unterbrechen, doch Vater stimmte ihr nickend zu und unterbrach meinen Einwurf mit seinem Blick. "Es ist an der Zeit, dass du den Hof verlässt." sagte er. Den Hof verlassen? Ich war entsetzt, aber den Protestgedanken hatte ich bereits aufgegeben bevor er zuende gedacht war. Also sagte ich kleinlaut: "Ich möchte aber vorher lernen, wie ich ein solches Mahl zubereite." Mutter lächelte. "Deswegen möchten wir ja, dass du den Hof verlässt. Ich glaube fest daran, dass du einmal ein großer Koch wirst und auch solche Gerichte zaubern kannst, wie das, was wir eben gegessen haben. Doch kann ich dir das nicht beibringen." Hatte sie das etwa garnicht selbst gekocht? Dann hatte hatte sie völlig Recht, dann musste ich denjenigen finden, der in der Lage war, solch ein kunstwerk zu erschaffen! "Du brichst nächste Woche auf," sagte Vater, "wir haben bereits ein paar Sachen vorbereitet und ein paar Rationen sind auch in Arbeit." - "Und wo werde ich hinreisen?" fragte ich. Meine Stimme zitterte vor Unsicherheit aber auch vor Vorfreude, den wahrscheinlich größten aller Köche kennenzulernen. "Dort, wo dein Vater dieses Essen auf dem Markt erstand." antwortete Mutter. "Nach Michelbinge, weit südwestlich im Auenland."

Ich nutzte die paar Tage, die mir noch blieben, um mich von meinen Freunden in Bree zu verabschieden und meine Sachen zu packen. Ein wenig Kleidung zum wechseln, ein paar Kochutensilien, ein paar Gewürzbeutel, die mein Vater mir geschnürt hatte und natürlich die Rationen. Mein Reiserucksack ließ sich kaum mehr schließen und platzte bald aus allen Nähten, doch konnte man über die Elben sagen, was man wollte, dieser Elbenzwirn könnte wahrscheinlich eine ganze Kuhherde halten. Am nächsten Morgen zog ich mir die festen Wanderstiefel an, setzte mir den Hut meines Vaters auf, griff mir meinen Stecken und machte mich auf die Reise.

Der Weg war nicht sonderlich beschwerlich, aber zu Fuß doch recht lang. Meine erste Rast legte ich in Arthur's Lager ein. Ich war lange Wanderungen nicht gewöhnt und noch nie weiter aus Bree herausgekommen als zu einem Fest auf dem Festplatz im Norden, und das auch nie allein. Kurz bevor ich Arthur's Lager erreichte, hörte ich Stimmen hinter den Ruinen am Wegesrand, zunächst dachte ich, ich bilde mir das nur ein, aber später erfuhr ich, dass dort Räuber hausen sollen. Doch hörte ich auch noch andere, sonderbare Geräusche, die an Todesschreie und qualvolle Schmerzen erinnerten, aber doch irgendwie anders klangen, irgendwie gedämmt, als kämen sie von unter der Erde. Dazu hatte ich einen moderigen Geruch in der Nase und fragte mich, woher der wohl stammen mag. Im Lager dann wurden diese Geräusche von den Tieren des alten Waldes übertönt und der Geruch vom moosigen Duft des selbigen ersetzt. Ihr Gebrüll und Geschrei, das man bei genauem hinhören vernehmen konnte, erzählte Geschichten vom Jagen und Gejagt werden, vom Fressen und Sterben und manchmal hörte man gar die Verzweiflung eines verletzten Raubtieres, das verhungerte, weil es zu schwach zum jagen geworden war.

In Arthur's Lager bekam ich einen Becher Wasser. Ich kann mich nicht erinnern, jemals zuvor solch reines, klares Wasser getrunken zu haben. Unter der prallen Sonne schmeckte es köstlich und war unerwartet kühl und im Nachhinein erstaunt es mich, dass ein einziger Becher reichte, um meinen Durst für Stunden zu stillen. Ich frage mich bis heute, aus welcher Quelle dieses Wasser wohl kam und ob es vielleicht verzaubert war, aber es gab eine Frage, die mich viel brennender interessierte, nämlich die nach den seltsamen Schreien, die ich kurz zuvor vernommen hatte. Ein Arbeiter, der eben seinen Hammer zur Seite legte um eine Pause zu machen, setzte sich neben mich und musterte mich mit skeptischem Blick. Er müffelte mächtig nach Schweiß. "Na, auffe Durchreise, wa?" fragte er. Ich antwortete, ein wenig durch sein bulliges Auftreten eingeschüchtert: "Ja. Auf dem Weg in's Auenland bin ich." - "Auenland, hm? Ich glaub' d' Arthur, unser Chef hier, kommt auch von da. Oder auss'm Bockland, aber wen int'ressiert des scho! Halbling bleibt Halbling, wa!" Er lachte lauthals. "Darf ich Sie etwas fragen?" - "Klar. Und nenn' mich ruhig Karl, Kleener." Ich zögerte. "Also... Karl... ich hab' da vorhin so seltsame Schreie gehört, kurz vor dem Lager. Kannst du mir sagen, woher die kamen?" - "Ahjo, des waren sicher die Räuber, die sich hinter'n Mauern verstecken. Weischt, die sind zu feig', um sich zu zeigen und zu kämpfen, also überfallen'se die Leut rücklinks." - "Nee, die Räuber waren des net." mischte sich ein anderer Arbeiter, der zu uns kam, ein. Er hatte eine große Narbe im Gesicht und wirkte viel schlacksiger als sein Kollege, roch aber mindestens genauso sehr nach Schweiß. "So?" fragte ich, "Was war's denn dann?"



Die Erbauer der Hügelgräber

"De Hügelgräber." Die Hügelgräber? War ich tatsächlich so nah an ihnen vorbeigekommen, dass ich die Toten dort schreien hören konnte? Zu Hause in Bree hieß es immer, die Gräber seien verflucht und man solle sich davon fernhalten, aber sonst hatte ich nicht viel darüber erfahren. Dieser Arbeiter erweckte mein Interesse. "Aber... in den Hügelgräbern liegen doch nur die Toten begraben." sagte ich mit gespielter Naivität, hoffend, dass er mir die Geschichte, die er anscheinend kannte, erzählte. Er lachte. "Du kannst mich net für dumm verkaufen, Kleiner." sagte er, "Jedes Kind im ganzen Breeland und sogar noch weiter weiß, dass de Hügelgräber verflucht sind... jedenfalls erzählt man des so. Wenn du die Wahrheit hören willst, musstes nur sagen." Ich nickte. "Ja, das würde ich gerne."

"Vor sehr, sehr langer Zeit" begann er seine Erzählung, "waren die Hügelgräberhöhen ein prächtiger Ort der Besinnung und der Ruhe." Er zögerte einen Augenblick. "Willste die ganze Geschichte hör'n?" fragte er. Ich nickte, natürlich wollte ich das. Aus meinem Rucksack kramte ich eine Ration, die ich noch vor wenigen Tagen als den Höhepunkt schöpferischer Nahrungsmittelzubereitung gefeiert hätte. "Nun gut, dann beginne ich ganz vorn." sagte er und strich sich die Haare aus dem Gesicht. "Also... vielleicht hast du ja vom Krieg des Zorns gehört, in dem die Menschen und Elben mit Unterstützung der Valar gegen Morgoth kämpften." Ich schüttelte zaghaft den Kopf. Valar hatte ich schonmal gehört, mein Vater hatte einmal über sie gesprochen. Es seien Götter, hatte er gesagt, aber Morgoth oder diesen Krieg hat er nicht erwähnt. "Jedenfalls gab es eine mächtige Schlacht, wohl die größte Schlacht von Beleriand, bei der solche Kräfte freigesetzt wurden, dass das ganze Land jenseits der Ered Luin vollkommen zerstört und schließlich vom Meer verschluckt wurde. Die Menschen, die in Beleriand gewohnt hatten, bekamen als Dank für den Beistand in diesem Krieg eine Insel geschenkt, die man von da an Westernis nannte, das westlichste Land der Sterblichen.

Diese Menschen, die damals noch die 'Edain' genannt wurden, besiedelten die Insel und viele hundert Jahre hörte man nichts von ihnen, bis sie sich zu großen Seefahrern entwickelten und die Menschen am Festland mit ihrem Wissen, ihren Waren und ihrer Arbeitskraft unterstützten. Sie erkundeten und bereisten das Große Meer und bauten Kriegsschiffe, die sich in Schlachten als äußerst wirkungsvoll erwiesen. Doch das Volk der Westernis wurde mit der Zeit habgierig, es kam zu Königen, die einen hohen Tribut von den Menschen Mittelerdes forderten und es kam sogar so weit, dass sie über tausend Jahre später Festungen an den Küsten errichteten, die Menschen dort unterwarfen und Steuern erhoben. Voller Neid sahen sie zu den Elben herüber, sehnten sich nach Unsterblichkeit und lehnten sich gegen das Verbot der Valar auf, gen Westen zu den Unsterblichen Landen zu fahren. Weitere tausend Jahre später kam jedoch ein König an die Macht, der die Auflehnung gegenüber den Valar und die Unterwerfung der Menschen bereute und Versöhnung stiften wollte. Ddamit spaltete er jedoch sein Volk. Die einen, die sich 'Königsmänner' nannten, verachteten die Valar wegen ihres Verbotes und der Weigerung, ihnen Unsterblichkeit zu gewähren, weiterhin und wollten auch mit den Elben nichts zu schaffen haben, während die anderen, die 'Getreuen' die Meinung ihres Königs teilten und sich mit den Valar und den Elben wieder versöhnen wollten. Nach kurzer Zeit verfeindeten sich diese Lager bis auf's Blut und ein furchtbarer Bürgerkrieg brach aus. Die Menschen töteten ihre Brüder und einstigen Freunde, verbrannten Hütten, die sie selbst mit aufgebaut hatten und tränkten das Land mit ihrem eigenen Blut. Der Untergang der Westernis war endgültig eingeleitet und wurde kurz nach dem Krieg besiegelt.

Als der Bürgerkrieg nämlich nach achtzig Jahren endlich vorrüber war, wurde ein gewisser Ar-Pharazôn ihr neuer König. Zu der Zeit ließ Sauron, ein mächtiges und grausames Wesen Mittelerdes, das von allen gefürchtet wurde und wird, einige Häfen der Westernis-Menschen angreifen, woraufhin Ar-Pharazôn eine gewaltige Flotte aufstellte, die gegen Sauron's Reich zog. Dieser ließ sich gefangennehmen und gab an, von der Übermacht eingeschüchtert geworden zu sein, in Wirklichkeit aber hatte er viel finsterere Pläne. Er verderbte die Gedanken der Menschen so sehr, dass er kurz darauf der engste Berater des Königs wurde und überzeugte ihn davon, dass die Valar ihn belogen und den Schöpfer Ilúvatar nur erfunden hätten. Die Getreuen wurden in dieser Zeit noch stärker verfolgt und viele von ihnen getötet, oder den Göttern geopfert, so wie Sauron es dem König zuflüsterte. Als Ar-Pharazôn älter wurde, und sich zunehmend vor dem Tode fürchtete, überzeugte ihn Sauron davon, dass er sich die Unsterblichkeit, nach der er sich so sehr sehnte, auch gewaltsam holen könne, indem er das Land der Valar eroberte. Die folgenden neun Jahre, bis zum Jahr 3319 im zweiten Zeitalter, wurde unter Befehl des Königs eine gewaltige Flotte errichtet, mit der er schließlich in den Westen aufbrach, um das Land der Unsterblichen zu unterwerfen und zu erobern, doch kamen sie nie dort an. Ein mächtiger Sturm kam ihnen zuvor, der die gesamte Flotte zerschmetterte und zeitgleich brach aus dem hohen Berg in der Mitte der Westernis ein Feuer aus, das Gesteinsbrocken umherfliegen ließ wie gewaltige Hagelkörner. Der Berg wandelte sich in einen Vulkan, die Menschen auf der Insel starben einen grausamen Tod und Westernis versank wieder im Meer. Diejenigen der Königsmänner, die sich vorher an das Festland gerettet hatten, wurden von Gesteinsbrocken erschlagen. Von den Menschen der Westernis blieben nur die drei mal drei Schiffe der Getreuen übrig. Ilúvatar baute die Welt um und das dritte Zeitalter brach an.

Die Getreuen, die auch als Dúnedain bekannt sind, gründeten daraufhin unter ihrem neuen König zwei Exilreiche, Gondor und Arnor." Die Gedanken drehten sich in meinem Kopf. Unglaublich, was ich alles nicht wusste, ich konnte kaum glauben, dass dieser Arbeiter aus Arthur's Lager mich mit einer Geschichte über das Land und die Menschen derart zu fesseln vermochte. Ich klebte ihm so sehr an den Lippen, dass ich meine Ration, die langsam in meiner Hand zerbröselte, völlig vergessen hatte. Schnell stopfte ich sie mir in den Mund und hütete mich, dabei auch nur einen Ton von mir zu geben, der seinen Redefluss unterbrechen könnte. "Viele Jahre später, als der zehnte König von Arnor starb, stritten sich seine Söhne um das Erbe. Der Streit war so groß, dass das Land gedreiteilt wurde und jeder einen Teil des Königreichs bekam und so wurde aus Arnor Arthedain, Rhudaur und Cardolan. Die beiden letzteren wurden jedoch schnell verloren, weil die königlichen Linien erloschen und im Nordosten hatte sich der gefürchtete Hexenkönig eingenistet und sein Reich Angmar errichtet und begann, Rhudaur unter seine Herrschaft zu bringen. Nachdem ihm das gelungen war, begann er Arthedain anzugreifen.

Die Hügelgräberhöhen waren derweil mit prächtigen Gräbern ausgestattet worden, in denen die Menschen aus Arnor und später aus den drei Königreichen begraben wurden. Kunstvoll verzierte Säulen und Kammern, goldbeschlagene Urnen und meisterlich gehauene Grabsteine wurden dort hin geschafft, es war ein wahrlich würdiges Grabmahl für stolze und tapfere Krieger, die dort mit ihren Waffen, Rüstungen und Schätzen bestattet wurden. Dann zog die Große Pest über das Land.

Ganz Cardolan wurde von der Pest dahingerafft. Da Cardolan die einzige Barriere zwischen dem vom Hexenkönig kontrollierten Rhudaur und den Hügelgräbern der Menschen war, nutzte dieser die Gunst der Stunde und sandte abgrundtief böse Geister aus, die sich dort einnisten und jeden Reisenden aufhalten sollten, der sich auf dem Weg gen Osten befand. So kamen Grabwichte und Geister in die Hügelgräberhöhen, zerstörten und plünderten die Gräber und verseuchten alles Leben, was sich dorther verirrte. Für die Menschen wurden die Hügelgräber zu einem Ort des Schreckens und der Krankheit und sind es bis heute. Niemand, der bei Sinnen ist, wagt sich dorthin. Und diejenigen, die sich doch wagten, hast du vermutlich schreien gehört, zusammen mit den Kampfesrufen der Grabwichte und dem Jaulen der kranken Warge, die es dort geben soll." Er trank einen Schluck Wasser und lächelte mich an. Ein leichter Schauer schlich mir über den Rücken. Dann sagte er zu seinem Kollegen: "Komm, wir müssen wieder anne Arbeit, sonst wird's Dach nie fertig." - "Ahjo, bin scho da..." antwortete der andere, der wie aus einer Trance erwacht war. Auch er hatte gebannt zugehört. Ich bedankte mich, packte meine paar Sachen zusammen und kaufte mir noch einen Schlauch des spitzenmäßigen Wassers, den ich gut in meinem Rucksack verstaute. Man weiß ja nie, was einen auf so einer Reise alles erwartet. Dannmachte ich mich wieder auf den Weg gen Westen.




Bockland

Die Geschichte des Arbeiters hatte anscheinend länger gedauert, als mir bewusst war, denn es begann langsam zu dämmern. Ich legte einen Schritt zu und kam bald an ein Schild mit der Aufschrift "Bockland". Dort würde ich sicherlich ein Quartier für die Nacht finden, dachte ich, also schlug ich den angegebenen Weg ein und fand mich bald darauf vor einer großen Hobbitsiedlung wieder, die direkt an diesen unheimlichen alten Wald grenzte. Ein Wachmann am Tor beäugte mich genau und skeptisch. "Seid's wohl nicht hier um Ärger zu machen, hm?" schnautzte er mich an. Ich schüttelte hektisch den Kopf. "Nein, nein... ich bin nur ein Reisender auf der Suche nach einem Dach für die Nacht." antwortete ich. Er nickte und beobachtete mich noch eine ganze Weile.

Das ganze Land war von einer riesigen Hecke umgeben, an der einige Hobbits fleißig herumwerkelten, sie geradeschnitten, gossen und stutzten. Sofort wurden mir verschiedenste Waren feil geboten, Pilze und kleine Felle, Fisch und Eier, Instrumente und allerlei andere Dinge, die ich alle dankend ablehnte. Vielleicht würde ich morgen ein paar Kleinigkeiten kaufen, aber mittlerweile wurde ich müde und machte mich auf die Suche nach einem Gasthaus.

Wenn man noch nie in einem Ort der Hobbits war, wird es einen verwundern, dass man so wenige Häuser vorfindet. In Bree ist alles hoch und aus Stein, die Hobbits hingegen haben Fenster und Türen in die Hügel gebaut und leben darin. Einen Hobbit, der aufgeregt um mich herum lief und mir eine Führung anbot, bat ich, mich zum Gasthaus zu geleiten. Er ließ es sich dennoch nicht nehmen, mir ein paar Kleinigkeiten aus Bockland zu erklären. "Der Hohe Hag" sagte er und zeigte auf die riesige Hecke, "schützt uns vor Eindringlingen aussem Norden und den Biestern aussem alten Wald. Auffer anderen Seite macht das der große Brandyfluss, wo mer auch gerne mal mittem Böötchen drüberschippern und angeln oder mit unser' Liebsten..." er schmunzelte und zwinkerte mir zu. "Und das da" zeigte er auf den größten Hügel, den ich erblicken konnte, "das is' das Brandyschloß." Es war wahrlich ein Schloß, nur eben eins, das in einem Hügel errichtet war. Bunte, verzierte Fenster lugten zwischen dem Gras her und runde Holztüren versperrten den Zutritt. "Für Fremde ist das Brandschloss verboten, wurd' schon zuviel raus geklaut." sagte mein Fremdenführer. Immer mal wieder kamen ein paar Hobbits aus dem Schloß oder gingen hinein, mal mit Kisten, mal mit einem Stapel Pergamente. Überall um mich herum herrschte geschäftiges Treiben, überall wurde gehandelt und gewerkelt, Fische und andere Waren flogen durch die Luft, gelegentlich schimpfte oder jubelte jemand. Und um das Brandyschloß herum war am meisten los, es schien der Mittelpunkt eines großen Marktplatzes zu sein, so wie der Keilerbrunnen in Bree... nur größer.

"Und hier" sagte er endlich, "hier is' unser Gasthaus." Wir standen vor einem großen Festzelt, in dem einige Hobbits ausgelassen feierten. "Aber... das ist nur ein Zelt." sagte ich verdutzt. "Nen anderes Gasthaus haben wir nicht, jedenfalls nicht für Fremdlinge und Große." antwortete der Fremdenführer. Ich wollte noch etwas entgegenen, zum Beispiel, dass ich dort unmöglich schlafen könnte, aber bevor ich zu Wort kam war er schon verschwunden. Nun gut, dachte ich, mach' ich eben das Beste draus. Die Hobbits im Zelt waren ausgelassen am feiern und am tanzen, hüpften auf Bänken und Tischen herum, gelegentlich wurde etwas verschüttet und die Musiker spielten schnelle Musik, wie ich sie nie zuvor gehört hatte. Es war ein Chaos, das mich zuerst verwirrte, dann aber Lust machte, mitzufeiern, also ging ich die Treppe hinauf in das Zelt und wurde sogleich argwönisch beäugt. Ein paar Bier später jedoch hatte man sich an mich gewöhnt und das kleine Volk ließ mich mit sich feiern. "Wo kommst'n her?" fragte mich einer mit braunen Haaren. "Aus Bree" sagte ich, "ich bin auf dem Weg in's Auenland." - "In's Auenland?" Ein paar der kleinen Leute lachten. "In's Auenland will'er, zu'n Schissbuchsen." - "Schissbuchsen?" fragte ich verwundert. "Klar, die haben Angst vor allem, sogar vor Wasser, weißt'. Was willst'n da?" Ich erzählte ihnen meine Geschichte und wir tranken und feierten noch ein bisschen.

Am nächsten Morgen fand ich mich im Stroh liegend in einem offenen Schafstall wieder. Mein Rücken schmerzte und ich hatte einen ausgewachsenen Kater, um mich herum war bereits Trubel und geschäftiges Treiben zugange. Die Sonne stand schon recht hoch am Himmel, es musste bereits kurz vor Mittag sein, also stand ich auf, wusch mich am Brandyweinfluss und begab mich erneut zum Festzelt, wo schon wieder (oder immer noch?) ein paar Hobbits feierten, was das Zeug hielt. Ich bestellte mir beim Wirt ein "kleines Frühstück", woraufhin der halbe Tisch mit allerlei Leckereien gedeckt wurde. In Bree nannte man ein paar Brötchen mit Marmelade und ein Glas Milch ein 'kleines Frühstück', hier bekam ich neben geräuchertem, gebratenem, gedünstetem und gegrilltem Fisch noch eine Schale gebratene Pilze, die unfassbar groß waren, zwei gefüllte Pasteten, ein Kotelett, gebratenen Speck, vier Spiegeleier, eine Schüssel Kartoffeln, zwei länglich gebackene Brote und eine große Portion gemischten Salat mit Zwiebeln, Möhren, Feldsalat und allerlei anderem feinen Gemüse. Und für alles das zahlte ich nur drei Silber. Es duftete köstlich und schmeckte noch besser, beinahe wie mein letztes Mahl daheim. Ich genoss jeden Bissen und saß bis Mittags beim Frühstück, als mich der Wirt fragte, ob ich nun ein Mittagessen haben wolle. Ich muss ihn daraufhin etwas ungläubig angesehen haben, denn ich hatte nicht einmal alles vom Frühstück aufgegessen, verneinte freundlich, trank meine Kanne Milch leer und machte mich schnurstracks auf den Weg aus diesem schönen, aber sehr chaotischen und geschäftigen Ort heraus, vorbei an den Händlern, die ich freundlich abwimmelte, weil mein Geldbeutel in der vergangenen Nacht stark abgenommen hatte, durch den Hohen Hag und mit einem freundlichen Gruß zu dem grummeligen Wachmann zur Brandyweinbrücke.

Zwei kleine Boote fuhren über den Brandyweinfluss, das erste besetzt mit zwei Hobbits, die sich küssten und umarmten, anstandshalber sah ich nicht genauer hin, das zweite mit einem Hobbit, der ein Pfeifchen rauchend seine Angel in's Wasser hielt. Ich sog die frische, warme Luft, die an Gewässern immer besonders gut riecht und die Gedanken in einem vom Kater geplagten Kopf zu ordnen vermag, tief ein und schlenderte über die Brücke, die so stabil gebaut war, dass sie nicht einmal ein Knacken von sich gab, hinüber in's Auenland.

Dieser Beitrag wurde 2 mal editiert, zum letzten Mal von Gazania: 28.07.2010 01:14.

28.07.2010 01:13 Gazania ist offline E-Mail an Gazania senden Beiträge von Gazania suchen Nehmen Sie Gazania in Ihre Freundesliste auf
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Ein Moor

Ist man erst einmal an den Hügelgräbern und den düsteren Wäldern des Breelandes mit seinen brüllenden Bären, jaulenden Wölfen und krächzenden Crebain vorbei und hat auch das Bockland hinter sich gelassen, kommt man an eine Brücke, hinter der sich ein sich ein wogendes, hügeliges Grasmeer erstreckt, wohin das Auge reicht. Weit hinten am Horizont ragen hohe Berge empor, von denen man sagt, dass dort die Zwerge ihr geschäftiges Dasein fristen. Winzige Mückchen und Bienlein schwirren einem um die Ohren, Grillen zirpen und erfüllen die mit einem Duft von Feldblumen, Wiesengras und Honig durchzogene Luft mit angenehmen Lebensrhytmen. Gelegentlich gleitet ein Vogel jubilierend über die endlos grünen Hügel und setzt zu einem Sturzflug mit einer unerwartet eleganten Landung an, um aus einem der leise plätschernden Bächlein zu trinken. Kurzum: Es ist ein überwältigender Anblick, der dazu einläd, noch ein wenig länger als nötig in diesem Land zu verweilen.

Der erste Ort, in den ich kam, hieß Stock. Er erinnerte mich ein wenig an einen Außenposten zum bewachen der Grenzen, doch im Inneren von Stock sah es eher aus, als würde man sich auf eine große Feier vorbereiten. Ein paar Tische standen dort bereit, einige Hobbits trugen Kuchen und Speisen hin und her und ein richtiges Gasthaus gab es hier auch. Die Häsuer in Stock waren im Gegensatz zum Bockland nicht in die Hügel eingebaut, sie sahen vielmehr so aus, als hätte man versucht, die Hügel um die Eingänge herum zu bauen. An allen Ecken standen Wachen, die sich selbst "Grenzer" nannten. Ich hatte noch einen langen Weg vor mir, also legte ich, immernoch wohl gesättigt von dem ausgiebigen Frühstück, hier keine Rast ein und fragte einen der Grenzer nach dem Weg nach Michelbinge, den er mir auch bereitwillig zeigte.

Bei dieser unfassbar schönen Umgebung verlangsamte sich mein Schritt von ganz allein, ich genoss den weichen Boden unter meinen Füßen und den frischen Duft der Natur, gab mich völlig der beeindruckenden Aussicht hin. Hier und da zog ein Bach seine Bahnen, aus dem gelegentlich ein Fisch sprang und mit beruhigendem Plätschern wieder in das feuchte Element eintauchte, Kühe grasten zufrieden auf den saftigen Weiden und hin und wieder stand ein Wachposten am Wegesrand, der mich zuerst mißmutig musterte, dann aber freundlich grüßte, wohl weil er bemerkte, dass ich ihnen aufgrund fehlender Waffen nicht böse gesinnt sein konnte. Im Nachhinein könnte ich mir auch vorstellen, dass es an der Pfanne lag, die seitlich an meinem Bündel hang.

Nach einiger Zeit kam ich in ein sumpfiges Gebiet, das von Fröschen und Kröten dominiert wurde. Ein süßlicher Geruch erfüllte die Luft, es war warm und drückend, doch faszinierte mich diese unbekannte Umgebung und ich folgte dem Leuchten, das ich inmitten der Bäume sah. Es war ein kleines Dorf, genannt Froschmoorstätten, in dessen Gasthaus ich meine nächste Rast einlegte.

Die Froschmoorstättener waren sonderbare Leute. Sie hielten Abstand und beobachteten mich, während sie ihrer Arbeit nachgingen, aber sobald sie merkten, dass ich etwas brauchte, waren sofort zwei oder mehr von ihnen bei mir und boten mir ihre Hilfe an. Die Häuser hier waren ähnlich gebaut wie die in Stock, sahen aber, wohl wegen der ungünstigen Witterungsbedingungen, etwas vermoost und vermodert aus. Doch der Schein trügte. Als ich das Gasthaus "Zum Schwimmenden Balken" betrat, wurde ich auf's herzlichste empfangen und von dem Wirt an einen Tisch in der sauberen und gepflegten Gaststube geleitet. Wider Erwarten war es hier ordentlicher als daheim im Tänzelnden Pony. Zwei neugierige Einwohner waren mir herein gefolgt und beobachteten mich wenig unauffällig, sodass ich sie zu mir an den Tisch bat. Nachdem ich ihnen berichtet hatte, woher ich kam und wohin ich wollte, spendierten sie mir ein Bier, boten mir eine Pfeife an, die ich dankend ablehnte, und der Wirt stellte eine Schale Pilze auf den Tisch.

"Also, was treibt 'nen Großen wie dich denn nach Michelbinge?" fragte der etwas größere der beiden Hobbits. "Das Kochen." antwortete ich, als wäre damit alles gesagt. Die Reaktion der beiden zeigte mir, dass damit wirklich alles gesagt war, sie nickten und murmelten und stimmten einander zu. "Aus Bree kommst', sagst? Wie iss'n da so?" - "Oh, Bree ist eine tolle Stadt," antwortete ich, "auf ihre eigene Art wunderschön. Zwar gibt es in der Stadt nicht so viel Natur wie im Bockland oder hier..." Bei dem Wort Bockland verzogen die beiden das Gesicht für einen kurzen Augenblick. Sie schienen die Bockländer nicht sonderlich zu mögen, also vermied ich das Thema von da an. "...aber wir haben große Häuser und Türme aus Stein gebaut, die uns vor den Feinden effektiv schützen können." - "Feinde?" fragte der kleinere, "Was'n für Feinde?" - "Naja, Orks und Bilwisse, Räuber und wilde Tiere eben." Die beiden staunten und raunten. "Da muss bei euch ja der Bär tanzen," sagte der größere, "bei so vielen Feinden rundrum." - "Nee, eigentlich ist es recht ruhig, wahrscheinlich dank der hohen Mauern." Ich nahm meinen Krug in die Hand und stieß mit den beiden an. Das Bier roch seltsam, irgendwie nach Algen, und es sah auch eher wässrig aus, ganz anders als Butterblume's Bestes. Es schäumte auch nicht im Geringsten. Ich nahm einen Schluck. Ein Geschmack von Moder und Sumpf breitete sich in meinem Rachen und meiner Nase aus und ich musste all meine Selbstbeherrschung aufbringen, um das Gebräu nicht gleich wieder auszuspucken. Ich schluckte es herunter und befürchtete, dass ich morgen totkrank und fiebrig auf irgendeinem Bett verbringen müsste.

"Und was machter da so den ganzen Tach, wenner so zwischen den Mauern eingepfercht seid?" fragte der kleinere. "Nein nein, wir sind nicht eingepfercht," antwortete ich, "ganz im Gegenteil. Bree ist so groß, dass man sich als Besucher dort schnell verlaufen kann. Man kann sich sogar ein Pferd mieten, um von einem Eingang zum anderen zu kommen." Die beiden staunten. "Und überhaupt ist in Bree immer mächtig viel los. Wachen patroullieren durch die Straßen und schützen die Bürger vor Räubern, vor dem Gasthaus gibt es einen großen Platz, auf dem häufig getanzt und gefeiert wird. Dort kann man auch an allen Ecken Plakate finden, auf denen dann steht, wann der nächste Großmarkt stattfindet, wo bald wieder gefeiert wird oder wer das nächste Konzert gibt." Ich erzählte von Bree, um nicht noch mehr dieses abscheulichen Bieres trinken zu müssen, aber es blieb nicht aus, dass die beiden immer wieder mit mir anstoßen wollten. "Auf dem Marktplatz gibt es einen großen Brunnen, den Keilerbrunnen. Hier bieten jeden Tag hunderte Händler, die die große Oststraße oder den Grünweg bereisen oder in Bree selbst wohnen, ihre Waren an. Es gibt kaum etwas, was man dort nicht bekommt." - "Das klingt ja nach 'ner tollen Stadt." sagte der kleinere. "Jau," sagte der größere, "vielleicht reisen wa da mal hin, eh?" - "Oh, dann passt aber gut auf," sagte ich, "es gibt dort auch eine Gasse, die man besser nicht passieren sollte. Dort werden Geschäfte im Schatten getätigt, bei denen ich mir nicht sicher bin, ob das denn alles mit rechten Dingen zugeht. Einmal bin ich selbst dort hindurch gebummelt und wurde von einem großen Kerl angesprochen. Ob ich Interesse an einem Schlüssel hätte, der in jede Tür passe oder etwas hochkonzentrierten Blendstaub hätte, wollte er wissen. Ich verneinte und ging schnell weiter. 'Ich habe sowas auch garnicht,' rief er mir hinterher, 'Ich wollte dich nur in die Ecke hier locken um dir die Kehle durchzuschneiden und dich zu berauben!'. Sein Lachen schallte durch die ganze Gasse, in der auch keine Wachen waren. Ich weiß bis heute nicht, ob das nur ein schlechter Scherz war, jedenfalls meide ich diese Gasse seither." Den beiden stockte der Atem. "Sowas gibbet hier im Auenland zum Glück nicht." sagte der eine. "Jedenfalls nicht, dass ich wüsste." sagte der andere.

Nachdem ich den ersten Krug mit viel Überwindung geleert hatte, brachte der Wirt unaufgefordert einen zweiten. "Der geht auf's Haus", sagte er. Nach dem dritten Krug hatte ich mich an den Geschmack gewöhnt und bestellte selbst die nächste Runde. Es schmeckte langsam sogar richtig gut. Wir plauderten über dies und das, die Hobbits erzählten mir von ihren Problemen mit ihren Smials, wie sie ihre Häuser nannten, deren Aussenfassaden immer wieder unter der hohen Luftfeuchtigkeit zu leiden hatten, von verschwundenen Abenteurern, die den Sumpf erkunden wollten und von ihren Kämpfen mit riesigen Kröten. Sie erzählten mir sicherlich noch viel mehr, aber nachdem wir beim fünften Krug dieses selbstgebrauten Bieres angekommen waren, drehte sich alles um mich herum und das nächste, an das ich mich erinnern kann, war, dass ich in einem viel zu kleinen Bett aufwachte, aus dem meine Beine von den Knien an herausbaumelten. Immerhin hatte ich keine Kopfschmerzen, dafür aber mächtig Hunger, also bestellte ich beim Wirt ein Frühstück. "Ein winziges", wie ich sagte, weil ich mich noch gut an die hobbitsche Definition von 'klein' erinnern konnte.

Das Essen war sonderbar, aber es schmeckte auf seine ganz eigene Weise vorzüglich. Vielleicht hang das auch mit der Verwirrung meiner Geschmackswahrnehmung nach dem eigenwilligen Bier des vorigen Abends zusammen, aber ich hatte keinen Grund, mich zu beschweren. Es gab Froschschenkel in einer hervorragenden Sauce, eingelegte Pilze und ein Brot, das einen mir bis dahin völlig unbekannten Geschmack hatte. Es schmeckte ein bisschen so, wie das Moor roch, sehr würzig aber auf eine unaufdringliche Weise. Ich rätselte, ob es vielleicht Malz oder Hopfen war, oder doch eine Mischung aus Koriander und Bärlauch. Der Wirt verriet mir, dass es gemahlenes gegorenes Holz war, Treibholz aus dem Moor um das Gasthaus herum, das jahrelang das Wasser und die Nährstoffe der Erde aufgenommen hatte und schließlich getrocknet, geröstet und zu einem Würzpulver zermahlen wurde. Eine echte Froschmoorstättener Spezialität, die man sonst nirgens auf der Welt bekäme. Ich erzählte ihm, dass wir in Bree auch ein besonderes Gewürz anbauen, das zum Würzen von Brot verwendet wurde und mein Vater eben jenen 'Breer Dreifuß' anpflanzte. Zufällig hatte er mir einen großen Beutel dieses Gewürzes eingepackt und ich tauschte etwas davon gegen das gegoren Holzgewürz mit dem Wirt, bevor ich mich dankend verabschiedete und mich mit Hut, Stecken und Reisebündel wieder auf den Weg machte. Draußen traf ich die beiden Hobbits vom Vorabend wieder und verabschiedete mich auch bei ihnen auf's herzlichste, nicht ohne mir versprechen zu lassen, dass sie mich einmal in Bree besuchen würden.



Ein kleiner Abstecher

Auch das 'winzige' Frühstück hatte mich völlig gesättigt und so konnte ich meinen Weg eine ganze Weile ohne Rast fortsetzen. Ich kam vorbei an Wasserau, wo eine kleine Windmühle beständig ratternd ihre Arbeit verrichtete und eine andere die Kraft des Wassers nutzte. Ein sanfter Geruch von Feldblumen zog mir in die Nase und hier und da stand ein Hobbit am Uferrand, hielt seine Angel ins Wasser und grüßte freundlich. Wenige Meter weiter duftete es nach Kuchen und kurz darauf kam ich an ein Schild, auf den in großen Lettern "Hobbingen" stand. Hobbingen... ein Ort, der nach seinem Volk benannt ist! So eine Stadt musste ich einfach sehen. Ich dachte darüber nach, ob es in unseren Landen wohl auch ein "Menschhausen" geben mochte und machte mich, auch in der Hoffnung auf ein erfrischendes Getränk, auf den rechten Weg in Richtung der Stadt.

Es dauerte nur wenige Augenblicke, als ich die Stadt über eine steinerne und äußerst stabil wirkende Brücke betrat. Natürlich, die Hobbits hier fürchteten sich ja vor dem Wasser, wie ich gelernt hatte. Zu meiner rechten sah ich eine wunderschöne Wassermühle, die behäbig knarrte und knirschte, ein Hobbit trug anscheinend unter großer Anstrengung einen prall gefüllten Sack dort heraus, aus dem eine dünne, weiße Mehlspur rieselte. Bis auf ihn wurde ich von jedermann mit einem freundlichen Nicken und einem skeptisch musternden Blick begrüßt und erkannte auch sofort das Schild zum hiesigen Gasthaus. "Efeubusch" hieß es, welch passender Name, dachte ich und ging geduckt hinein. Zwei Hobbits saßen darin beim Essen und der Wirt putzte die Theke. Ich ließ mir einen Beerensaft ausschenken und verließ die Gaststätte wieder, denn das Wetter draußen war viel zu schön um in einer kleinen Hütte zu sitzen und außerdem wollte ich mir ja den Ort ansehen.

Überall roch es wunderbar nach Kuchen und Beeren und während ich mich so umsah wurde ich beinahe von einem Hobbit mit einer schweren Posttasche umgerannt. Auf einer leichten Erhebung sah ich in einem Rondell eine kleine Versammlung von Halblingen, die mit einem Zwerg zu diskutieren schienen, bis dieser geknickt von Dannen zog. Ich hielt ihn auf und fragte ihn, was dort los sei. "Iz'n Treff'n von Verz un' Wort" sagte er, "zo'n Dichtclub. Iz' aber nur für Hobbitz." - "Dichtclub?" fragte ich. "Aye, dicht'n un' erzähl'n tun'ze do. Aber eben nur für Hobbitz, dabei kann iz doch zo gut erzähl'n." Dichten und erzählen... ich bedankte mich bei dem Zwerg und beschloß, ein wenig zu lauschen. In reichlicher Entfernung setzte ich mich hinter einen Busch und genoss meinen Beerensaft. Eben war eine rothaarige Hobbit mitten in der Rezitation ihres Gedichtes.

"...Törtchen klein, Törtchen fein,
muss in meinem Bauch hinein.
Ja, so ein Törtchen, kugelrund,
wandert auch blitzschnell in den Mund.
Und wenn dann alle alle sind,
back' ich für morgen Neue geschwind."


Die Zuhörer applaudierten und jubelten. "Ein Törtchengedicht, prima!" - "Jaja, ganz spitze." - "Toll!" hörte ich sie sagen. Ein wenig Gemurmel später stand eine andere von ihnen in der Mitte und hielt ein Pergament in der Hand. Sie sagte, die habe das Gedicht, das sie vortragen wolle, vor längerer Zeit im Bockland geschrieben. Zunächst vermutete ich, es sei ein Gedicht über das Feiern, denn damit hatte ich ja bereits Erfahrung gemacht, aber ich wurde enttäuscht.

"Also," räusperte sie sich, "das Gedicht heißt 'Ein Traum', woll!" Sie wartete noch einem Moment das Gemurmel ab, bis jemand rief "Anfangen!" und von jemand anderes mit "Ja, anfangen!" unterstützt wurde.

"Wenn der Mond die Nacht erhellt und im Wald die Wölfe jaulen,
wenn die Stern' am Himmelszelt funkeln wie es ihn' gefällt
und die ganze müde Welt auf die Sonne muss vertrauen,
dass sie die Dunkelheit verjagt zum Anbruch eines neuen Tags,
können Träum' Verstände rauben.

Leichte, eisig kalte Winde komm' aus dem westlich' Wald hervor,
Geschichten von verwunsch'nem Kinde, von Liebe, die man niemals finde,
von Leben, das der Tod nicht binde, flüstern sie leis' in mein Ohr,
heben den Geruch von Krankheit, von unerträglich Qual und Leid,
sanft in meine Nas' empor.

Der Hügelgräber fauler Duft, der sich in die Gedanken schmiert,
steigt auf aus seiner tiefen Gruft, mischt sich mit frischer Waldesluft,
schleicht zu mir, in mich, und er ruft nach einem Traum, dem Traum von dir,
dem Traum, den ich nicht träumen will, der gänzlich unbemerkt und still,
unhaltbar erwacht in mir.

Im Traum sitz' ich gleich neben dir, auf einer großen grünen Wies',
die schönsten Worte sagst du mir und weckst ganz langsam die Begier
dass wir für immer blieben hier, in unser'm kleinen Paradies,
doch wird es dunkel und ich muss nach Haus, nach diesem letzten Kuss,
weil der Tag uns heut' verließ.

Am nächsten Morgen in der Früh, Schlaf steckt mir noch im Kopfe,
springe ich auf und renne stur schnurstracks zu deiner Smial-Tür,
mein Herz, wie ich es rasen spür', als ich ganz zaghaft klopfe,
du öffnest bald, lächelst mich an, verschlafen zwar doch angetan
von mei'm kissenzerzausten Schopfe.

Inch schaue tief in deine Augen, die keinen Moment von mir weichen,
und wunderbar zum träumen taugen, uns're Blicke aneinandersaugen,
ewig könnt' ich dich anschau'n und niemals würde es mir reichen,
und als meine Hand du nimmst, weiß ich du bist für mich bestimmt;
und meine Knie erweichen.

Doch kurz nur hält der Liebe Glück, du musst schon bald verreisen,
und als du endlich kommst zurück, wirkst du vor Leid völlig erdrückt,
Krankheit zerfrisst dich Stück für Stcük und lässt dein Herz vereisen,
bis du mich eines Tages dann nicht einmal mehr erkennen kannst
und von mir gehst ganz leise.

Ich wache auf und denk' an dich, du starbst in meinen Armen,
der faulig' Duft erinnert mich, wie Krankheit löscht' dein helles Licht
und ganz, ganz leise fange ich nun an um dich zu weinen.
Und der kalte Wind aus Westen lässt flackern Flammen meiner Kerzen
und Schatten fröhlich tanzen."


Nach einem Moment der Stille und dem ein oder anderen Seufzer oder Schluchzer erntet auch diese Hobbit Applaus. Ich lauschte noch ein paar Gedichten und Geschichten, in denen es um Schafe ging, die Drachen in die Irre geführt hatten, um einen Räuber im Efeubusch oder den Kuchendieb vom letzten Großmarkt, bevor ich unter diesem Busch einschlummerte.

Als ich am nächsten Morgen erwachte, zierte ein dunkler Fleck meine Hose. Mir dämmerte, dass ich den Beerensaft, dessen Becher neben mir im Gras lag, wohl nicht ausgetrunken hatte und ging zum Bach um mich und meine Hose zu waschen. Ich lieh mir beim Gastwirt eine Schürze, die ich mir umband, während meine Hose trocknete und gönnte mir ein "winziges" Frühstück, das ich nicht ganz aufbekam. Den Rest des Vormittags verbrachte ich damit, mir Hobbingen anzusehen. Etwas nördlich von Hobbingen gab es hervorragendes Ackerland, dessen Erde mir selbst feucht durch die Finger rieselte, am Boden aber eine erstaunliche Festigkeit aufwies. Die Bauern, die hier arbeiteten, achteten wie Luchse auf ihre Pflanzen, die beinahe perfekt erblühten und im saftigsten Grün geerntet wurden. Kein Wunder, dass die Hobbits bei solchen Voraussetzungen echte Genießer sein mussten.

Einer der Bauern kam auf mich zu. Es war ein stattlicher Hobbit mit grau-weißen Haaren und einer Pfeife zwischen den Zähnen. "Auffe Durchreese, hm?" fragte er mich. Ich nickte. "Willst nix kloon, hm?" Ich schüttelte den Kopf. "Nein, selbstverständlich nicht." - "Tragt'er Menschen keene Hos, hm?" Ich musste schmunzeln. "Doch," antwortete ich, "aber..." - "Aber, aber... broochst dich nich rechtfertig'n, mi Jung. Komm, roochst'n Pfeefsche mit, hm?" - "Äh... nein, danke." - "Awo. Naa gibbet nich, hm." sagte er und war bereits dabei, eine Pfeife zu stopfen. Mit Feuerstein und Zunder setzte er ein wenig Stroh in Brand, mit dem er seine beiden Pfeifen ansteckte, bevor er mir eine reichte. Ich zog daran. Es schmeckte nach verbranntem Apfelmus. "Alde Tobi, hm." sagte der Bauer, "Meen Lieblingskroot, hm." Ich nickte und bemühte mich, nicht zu husten oder mich zu übergeben, aber vegebens. Der Geschmack durchzog meine Atemwege, meine Nase und meinen Hals, bis in den Bauch und hinterließ seinen wiederlichen Geschmack in jeder meiner inneren Körperzellen und ich begann lautstark und ausdauernd zu husten. Als ich auf die Knie sank und dachte, jeden Moment sterben zu müssen, gab er mir einen Schluck Wasser den ich gierig herunterschüttete und fing mich wieder. Erschöpft setzte ich mich ins Gras.

"'S erschte Mo daschte roochst, hm?" fragte er. Ich nickte. "Na denn lasch's lieber bleeb'n, hm." Er wühlte in einem Rucksack herum. "Weescht, was besonders gut nachem Roochhuschtn schmeckt, hm?" Ich sah ihn fragend an. "Wasser?" fragte ich. Er lachte. "Naa, desch hi, hm." sagte er und streckte mir ein Törtchen entgegen. Ich nahm es dankend an und biss hinein. Ein wohliger Geschmack von würzigem Fleisch umspielte meinen Gaumen, überhaupt nicht süß, wie ich eigentlich erwartet hatte. Im Gegenteil, es schmeckte rauchig und deftig, wie ein geröstetes Schnitzel, das mehrere Tage in Bier eingelegt wurde. Es war wärmend und erfrischend zugleich, scharf wie Chili und sanft wie eine frische Brise, zerging auf der Zunge wie Butter, aber nicht ohne zu kauen. Der Teigmantel zerbröselte wie von selbst und gab dem Törtchen das gewisse Etwas, das es schmecken ließ wie ein Frühstücksbrot, das mit einer ganzen Mahlzeit belegt war. Es schmeckte einfach unbeschreiblich gut. "Phoa, daf iff fahnfinn!" rief ich aus und hütete mich sogleich, ein weiteres Wort zu sagen, als ich bemerkte, dass ich einen Teil des Teigmantels auf der Schürze des Hobbits verteilte. Nachdem ich es Minuten später zerkaut und heruntergeschluckt hatte, sagte ich "Das war wirklich unglaublich lecker. Was war das?" - "Och, nix Besondres, hm. Nur'n Fleeschtörtsche oos Salamanderfleesch, hm." Ich staunte. "Salamanderfleisch?" fragte ich ungläubig. Der Hobbit nickte. Dann sah er mich verschwörerisch an. "Des hat scho ma wem des Leebn gekoscht, hm." flüsterte er. Ich riss die Augen auf und schaute entsetzt zu ihm. Er lachte. "Naa, keene Angscht, hm. Ni wie de denkscht, hm."



Die Spezialität

"Willscht wiss'n, was paschiert isch, hm?" fragte er. Ich nickte entschieden. Wenn er mich schon mit Salamanderfleisch fütterte, was möglicherweise meinen Tod bedeuten konnte, wollte ich auch wissen, wie man daran stirbt. "Weischt, is scho ne Weil he, da gabsch ma 'nen Mensche-Mädl...

...sie war die Tochter eines reisenden Händlers. Ihre Mutter lebte längst nicht mehr und ihr Vater hatte seinerzeit ein kleines Schiff gekauft, das er mit seinem Sohn, seiner Tochter und einer funf Mann starken Besatzung führte. So schipperten sie von Land zu Land und von Insel zu Insel und handelten mit allem, was irgendwo brauchbar sein könnte.

Eines Tages gerieten sie in einen furchtbaren Sturm. Der Kapitän schrie die Befehle aus, Backbord, Steuerbord, Wellen schlugen gegen den Bug und über das Deck, das Schiff schwankte wie nie zuvor. Eine große Welle kam angerauscht, der Steuermann versuchte ein Wendemanöver und die Besatzung hatte alle Hände voll damit zu tun, kleinere Schäden am Schiff zu flicken, die Waren und Kisten rutschten hin und her, platzten auf und überall barst das Holz unter den gewaltigen Wassermassen. Durch den Wind, der so stark war, dass er beinahe die Segel zerriss, entstand ein Strudel im Meer, der das Schiff unaufhaltsam zu sich sog und es gab nichts, was die Mannschaft unversucht ließ, um dem zu entgehen - aber es half alles nichts, das Schiff versank. Einige Zeit später fand sich das Mädchen schwer verletzt nebst Steuermann und Schiffskoch auf einer kleinen Insel wieder, auf der es lediglich ein paar Bäume und eine kleine Quelle gab. Die anderen Besatzungsmitglieder, ihr Vater und ihr Bruder waren seitdem verschollen und wahrscheinlich ertrunken.

Zwei Tage verbrachten sie damit, ein Feuer zu entzünden und sich ein Dach aus Ästen zu bauen, das sie vor dem stärksten Regen schützen sollte. Zwei Tage verbrachten sie mit nichts weiter als etwas Trinkwasser und den Blättern und allmählich quälte sie der Hunger. Die Jagdausflüge der beiden Männer waren bislang erfolglos geblieben, doch sie gaben nicht auf und zogen erneut los. Das Mädchen schloß bereits mit seinem Leben ab, erwartete den Hungertod, als der Schiffskoch und sein Begleiter mit einem Batzen Fleisch zurückkamen. Sie sagten, sie hätten zwei Salamander gefunden und einen davon erlegt, grillten das Fleisch und aßen sich satt. Fast eine Woche hielt es, bis sie den zweiten Salamander jagen mussten. Sie ließen die Kadaver weit abseits liegen, um das Krämermädchen nicht mit deren Anblick zu schockieren und überlebten so knapp drei Wochen, bis sie von einer vorbeifahrenden Handelskaschemme entdeckt und gerettet wurden.

Zurück in der Heimat wurde sie gesund gepflegt, baute sie sich einen kleinen Hof auf und reiste von da an nurmehr über das Festland, um die Tradition ihrer Familie fortzuführen und regen Handel zu betreiben. Nach und nach vergaß sie alle Qual dieses Unglücks, verdrängte die Erinnerung an die Insel und ihre Verletzungen. Bis zu dem Tag, als sie nach Hafergut reiste.

Nördlich von Hafergut gibt es eine ganze Menge Salamander, es verwundert also nicht, dass Salamanderfleisch dort unter Kennern als Spezialität gilt. Das Mädchen erinnerte sich, dass Salamander ihr einmal unfreiwillig das Leben gerettet hatten und bestellte ein Salamandersteak. Sie dachte über alles nach, was damals geschehen war, dachte an ihren Vater und ihren Bruder, an die Mannschaft und das Schiff, bis ihr Essen serviert wurde. Als sie den ersten Bissen in den Mund nahm, brauchte sie nicht einmal zu kauen. Das Fleisch schmeckte völlig unbekannt, nie zuvor hatte sie solches Fleisch gegessen. In dem Moment wurde ihr schlagartig klar, dass der Schiffskoch und der Steuermann keine Salamander gejagt hatten sondern in der Not das Fleisch der an Land gespülten Leichen verwendeten. Sie ließ die Gabel fallen und man sagt, dass ihr selbst der erste Bissen wieder aus dem Mund kullerte. Ohne ein Wort zu sagen sprang sie auf und lief davon. Tage später fand man ihren aufgedunsenen Körper im Evendim-See. Und so...

...isch mo wea wegm Salamanda-Fleesch gestoob'n, hm. Joo, so wa desch, hm." sagte er. Ich hatte nun absolut keinen Appetit mehr, bedankte mich für alles und machte mich auf den Weg zu meiner Hose, die bereits trocken war. Ich zog sie an und verließ Hobbingen mit einem flauen Gefühl im Magen. Nicht nur wegen der Geschichte, sondern auch, weil es bereits kurz nach Mittag war und ich seit dem Frühstück erst ein kleines Törtchen gegessen hatte - so wenig war ich in der letzten Zeit nicht mehr gewöhnt.
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Nach Michelbinge

Ich ging zurück über die Brücke und an der Wassermühle vorbei, die immernoch unablässig vor sich hin knarrte und knirschte, folgte dem Weg bis zur Kreuzung, hielt mich rechts in Richtung Michelbinge und als ich an weiteren Feldern vorbeikam, auf denen Kühe und Schafe genüsslich weideten, sah ich eine kleine Rauchwolke aufsteigen. Ich kam an ein Lagerfeuer, an dem ein paar Hobbits sich lachend und ausgelassen unterhielten und auf Stöckern aufgespießte Würstchen grillten. Mir lief das Wasser bei dem Geruch von Würstchen und offenem Feuer im Mund zusammen, hauptsache sie waren nicht aus Salamanderfleisch, obwohl das wirklich lecker war.

"Hey, ein Reisender." - "Setz' dich, du musst sicher hungrig sein." wurde ich von den noch recht jung wirkenden Hobbits begrüßt. Es war ein Mädchen und zwei Jungs, die es sich mit einer großen Kiste Würstchen und einem kleinen Fass Wasser am Lagerfeuer direkt an einer Kreuzung gemütlich gemacht hatten. Etwas verdattert aber hocherfreut über diese Gastfreundschaft begrüßte ich alle und setzte mich zu ihnen. Sogleich bekam ich einen Stock mit einem aufgespießten Würstchen und einen Becher Wasser in die Hand gedrückt. "Du willst sicher nach Michelbinge, was?" fragte das Mädchen. Ich nickte und beobachtete meine Wurst im Feuer, die appetitanregend bruzelte und zischte. "Na dann haste ja Glück, in Wegscheid ist der beste Platz um vor der großen Stadt noch eine Rast einzulegen." sagte der Junge mit den roten Haaren, der mir das Würstchen gereicht hatte. "Michelbinge ist nicht mehr weit," sagte der Blonde, "noch ungefähr einen viertel Tagesmarsch." - "Was willst'n da eigentlich?" fragte das Mädchen. "Kochen lernen" antwortete ich. Die Hobbits raunten. "Oooh, ein Langer, der von uns lernen will? Wie kommste denn dazu?" Ich erzählte ihnen ausführlich von meinem letzten Mahl in Bree und was ich von meinen Eltern schon alles gelernt hatte, während ich die Würstchen genoss und es mir eine Zeit lang in diesem umwerfenden Land mit solch gastfreundlichen Hobbits gutgehen ließ. In der Ferne konnte ich einen Hügel erkennen, aus dem ein paar Fenster und Türen herausragten. Ich vermutete, dass das Buckelstadt war, wie ich es zuvor auf einem Schild gelesen hatte.

"Na, da haben deine Eltern dir aber 'n guten Tipp gegeben. In Michelbinge findeste die besten Köche des ganzen Landes." sagte der Blondschopf. "Meine Mutter ist eine davon. Sie hat diese Würstchen gemacht." Der Stolz in seiner Stimme war nicht zu überhören, und tatsächlich waren die Würstchen wahnsinnig gut. Nicht zu weich, nicht zu hart, mit genau dem richtigen Anteil an Gewürzen, einem Hauch von Käse und obendrein saftig. Mir fiel auf, dass ich schon fünf davon gegessen hatte und die nächste bereits ins Feuer hielt, so sehr machten sie Lust auf mehr. Das wäre aber auch die letzte, nahm ich mir vor, schließlich kann ich den jungen Leuten nicht alles wegfuttern.

Nach der zwölften Wurst war die Kiste noch immer halb voll und ich haderte mit mir selbst, ob ich dem Genuss oder dem Sättigkeitsgefühl nachgeben sollte. "Nein, danke, ich hab' genug." sagte ich, als der Rothaarige mir die nächste Wurst in die Hand drücken wollte. "Ach, schau dich doch mal an... du kannst es brauchen! Ist ja nix dran an dir." sagte er und ließ keine Widerrede zu. "Na gut, aber das ist wirklich die letzte." - "In Ordnung." Weitere drei köstliche Würstchen später machte ich mich wieder auf den Weg, denn es war bereits spät Nachmittag geworden und ich wollte noch vor Anbruch der Dunkelheit in Michelbinge ankommen. Zwei Würstchen als Wegzehrung hatten sie mir noch aufgeschwatzt, die ich sorgsam in meinem Bündel verstaut hatte. Schnell kam ich jedoch nicht vorwärts, wer schon einmal zu viel gegessen hatte, weiß, warum, und so erreichte ich Michelbinge erst, als die Sonne gerade im Begriff war, hinter dem Horizont zu verschwinden.

Ich sah mich um. Das Grün der Stadt und die gemütlich umherschlendernden Hobbits, die wenigen Wachleute, das Lachen der Kinder und die leisen Gesänge der Vögel, ein paar summende Insekten und zirpende Grillen und ein unbeschreiblich angenehmer Duft nach Kuchen, Honig und Beeren überwältigte mich. Diese Stadt strahlte eine Ruhe aus, die ich zuvor nur in der Natur des Auenlandes erlebt hatte, nur dass hier ein gemütliches Treiben von Statten ging. "Wo kommen Sie denn her?" sprach mich einer der Wachleute, die man hier Landbüttel nannte, an. "Aus Bree." sagte ich. Er musterte mich. "Junge, da ham'se aber 'nen langen Weg hinter sich, was? Wollen'se sich sicher erstmal ausruhen, was?" Seine Worte machten mir bewusst, was für eine lange Strecke ich hinter mir und wie wenig Schlaf ich mir dabei gegönnt hatte. Ich war glücklich und zufrieden, hatte sehr viel unbekanntes gesehen und eine Menge Leute kennengelernt und war endlich an meinem Ziel angelangt, doch nun überkam mich die Müdigkeit. Der Landbüttel brachte mich in ein Gasthaus mit dem schönen Namen "Adler und Kind" und ließ mir vom Wirt ein Zimmer zuweisen, wo ich mich auf das Bett fallen ließ, das mir sogar beinahe groß genug war, mir an dessen Kante noch einmal kräftig den Kopf stieß und selig einschlief.



Südhangtee und Geisterpilze

Am nächsten Morgen torkelte ich noch schlaftrunken in die Gaststube und setzte mich an einen Tisch. Ein gut betagter Hobbit kam zu mir und fragte mit rauher Stimme: "Na, gut geschlafen, der Herr?" Ich nickte. "Darf ich mich zu Ihnen setzen?" fragte er. Ich nickte abermals. "Gestatten, dass ich mich vorstelle, Santo Hügelpflug mein Name. Ich bin pensionierter Landbüttel und Feinschmecker, haha!" Sein Lachen klang, als würde er an dem Rauch seiner Pfeife ersticken. "Es ist selten, dass sich jemand vom Großen Volk aus dem Osten hierher verirrt. Darf ich fragen, was Sie hierher führt?" Wiedereinmal erzählte ich, woher ich kam und was ich in Michelbinge wollte. "...und gestern Abend bin ich endlich hier angekommen und direkt in einen tiefen Schlaf gefallen." - "Oha, oha, dann kennen Sie unsere großartige Stadt ja noch garnicht. Was halten Sie davon, wenn ich Sie zu einem ganz besonderen Willkommensfrühstück einlade und Ihnen danach die Stadt zeige?" Da meine Reisekasse in letzter Zeit drastisch geschrumpft war und ich gegen eine Führung durch Michelbinge nichts einzuwenden hatte, stimmte ich erfreut zu.

Santo gab dem Wirt ein Zeichen, der daraufhin zu uns an den Tisch kam. "Mach' dem Jungen mal einen Südhangtee und eine Schüssel Geisterpilze. Aber die Guten." Schon wieder Pilze? Meine Güte, dachte ich, diese Hobbits ernähren sich auch dauernd von Pilzen. Die Pilze jedoch, die kurze Zeit später auf dem Tisch standen, waren völlig anders als die, die ich bisher kredenzt bekommen hatte. Sie waren flach und weiß und hatten rote Pünktchen auf dem Hut. Der Tee hatte eine rötliche Färbung und roch köstlich nach Äpfeln mit Zimt. "Das sind echte Geisterpilze," sagte Santo nicht ohne einen mysteriösen Unterton in der Stimme, "die wachsen nur tief im Alten Wald im Breeland, ganz nah bei den Hügelgräbern. Eine echte Delikatesse unter Kennern." Er lächelte verheißungsvoll. "Eigentlich sind sie giftig, aber diese hier wurden entgiftet, dennoch lässt es sich nicht vermeiden, dass ein kleiner Teil des Giftes im Fleisch des Pilzes verbleibt. Das ist zwar nicht lebensgefährlich und macht auch nicht krank, aber man sollte sie mit Bedacht genießen. Probieren Sie doch mal einen." Vorsichtig nahm ich einen der Pilze in die Finger. Er roch nach nichts und ich erkannte viele winzige Löcher, an denen er durchstochen worden war, vermutlich die Spuren der Entgiftung. Vorsichtig biss ich ein Stückchen ab.

Er schmeckte fast wie Hühnchen mit einer hellen Sauce. "Vorzüglich." sagte ich und stopfte den ganzen Pilz in meinen Mund. Santo grinste. Aus seinen Ohren, seiner Nase und seinem Mund quollen langsam Farben, gelbe, blaue, rote und grüne und mischten sich, bis sie den ganzen Raum einnahmen. Mir wurde schwindelig, mein Schädel drehte sich und ich konnte mein Herz hören. Nein, ich konnte es nicht schlagen hören sondern ich bemerkte, wie es atmete, wie es die Luft aus meinem Blut in sich aufsog und wieder freigab, ich spürte, wie meine Füße sich vom Boden lösten und ich langsam durch die Gaststätte flog, ohne jemals meinen Stuhl verlassen zu haben. Der Raum erweiterte sich zu ungeahnten Ausmaßen und alles war bunt und schön, dumpf erklang die Stimme von Santos, der mir riet, einen Schulck des Tees zu kosten. Sein Gesicht hatte sich zu einer ulkigen Grimasse verzerrt und ich konnte mir das Lachen nicht verkneifen, als es wabbelte wie ein Pott Marmelade, wenn er den Mund öffnete. Ich griff nach der Tasse, trank einen Schluck Tee und der warme, angenehme Duft von Äpfeln mit Zimt stieg in meinem Kopf auf, durchdrang jede Pore meines Körpers und ließ die Farben verpuffen wie viele hundert Miniaturfeuerwerke. Hinter den Farben tauchten ein paar Geister auf, die mir freundlich zuwunken und sich in Nichts auflösten. Bedeppert sah ich Santos an.

"Sie hatten wohl Glück," sagte er, "aus Ihrem Lachen kann ich schließen, dass sie eine schöne Reise hatten?" - "Ja, es war... bunt." - "Ah, eine Farbreise." sagte er, als wäre es das Normalste der Welt. "Wissen Sie, man kann Glück haben, wenn man einen Geisterpilz isst und eine Farbreise oder eine Klangreise machen, etwas wundervolles erleben, oder man hat Pech und erwischt einen der fiesen Pilze, die ganze Alpträume und Horrorvorstellungen zum Leben erwecken. Der Tee lässt den Effekt schnell verpuffen." Ich staunte. "Und das alles nur wegen eines Pilzes?" Ich griff nach dem nächsten, doch Santo hielt meine Hand fest. "Nicht doch, junger Freund, diese Geisterpilze mögen einen in wundervolle Welten entführen, doch sollten sie mit Bedacht genossen werden. Zu viele davon und Sie werden aus dieser Welt nicht mehr zurückkehren. Dann sitzen sie hier, sabbernd und unfähig, sich auch nur im Geringsten selbst zu versorgen, ein Opfer der Flucht in die Phantasie. Das wollen Sie doch nicht, oder?" fragte er. Nein, das wollte ich wirklich nicht. Ich legte den Pilz wieder hin und trank noch einen Schluck Tee. "Wissen Sie, das ist eine wahrlich seltene und weitestgehend unbekannte Spezialität, die nicht jeder zu kosten bekommt. Nur wenige wissen, dass Geisterpilze genießbar sind und noch weniger, wie man sie zubereitet. Seien Sie froh, dass Sie dieses Erlebnis machen durften. Und erzählen Sie es nicht unbedingt weiter."

In dem Moment sprang die Tür auf und eine Hobbitfrau, die schon ein paar Jahre hinter sich hatte, kam in die Gaststube, die Fäuste in die Hüften gestemmt und in einer Hand ein Nudelholz. Der Wirt sah sie, schmunzelte und wusch weiter seine Gläser. Die Hobbitdame kam zu unserem Tisch und zeterte los. "Hier biste also wieder, du Halunke! Na dir werd' ich's zeigen! Beweg gefälligst deinen Hintern nach Hause, statt hier zu zechen!" Santo zuckte zusammen und wurde immer kleiner, während seine Frau mit dem Nudelholz hinter ihm umherfuchtelte. "Ist ja gut, ich komm' ja schon." sagte er kleinlaut. "Ich hoffe, es macht Ihnen nichts aus, wenn wir die Führung... Aua!" Mit einem dumpfen 'Plock' landete das Nudelholz auf Santos Schädel. Ich schüttelte den Kopf und unterdrückte ein Grinsen. "Nein nein, schon in Ordnung" sagte ich schnell. "Führung?" zeterte seine Frau weiter, "Ich führ' dich gleich mal zu deiner Arbeit, du fauler Hund! Der Garten will gemacht werden und die Tür ist immer noch nicht gestrichen..." scheuchte sie ihn vor sich her aus der Gaststube. Der Wirt lachte mich an. "Jed'n Tach dat selbe." sagte er. "Darf's noch wat sein?" - "Nein, danke." Ich stand auf, brachte ihm das schmutzige Geschirr und machte mich auf, um Michelbinge zu erkunden.



Prinzessin Riechgut

Michelbinge war eine großartige, bezaubernde Stadt. Alles war so verteilt, dass es trotz seiner Größe wie ein Dorf wirkte. Der Duft war einfach herrlich, überall roch es nach Essen und Blumen, hier und da liefen ein paar Kinder an mir vorbei oder ein paar Hobbits unterhielten sich über schlechte Kuchen oder die beinahe verdorbene Ernte. Bienen surrten fröhlich umher und wurden von Vogelzwitschern begleitet und obgleich jeder etwas zu tun hatte, ging doch alles mit einem Leichtsinn und einer Gemütlichkeit von Statten, die man in Bree niemals finden würde. Hier war das Leben so, wie ich es mir immer gewünscht hatte, die Leute und die Umgebung, die völlige Abwesenheit von Bosheit und Schlechtem. Es hätte mich tatsächlich gewundert, hier ein Gefängnis oder gar einen Pranger zu entdecken und so schlenderte ich berauscht von der frischen Luft, die so völlig Stadtuntypisch war, umher und suchte den Koch, der mein neuer Lehrmeister werden sollte.

Aber bevor ich den finden sollte, kam ich bei einer alten Frau vorbei, die in ihrem Schaukelstuhl saß und ein paar Kindern eine Geschichte erzählte. "Grüß' dich, Mütterchen Tuk!" sagte ein junger Hobbit im Vorbeigehen. "Na, erzählst du den Kleinen wieder von der alten Zeit?" - "Natürlich, sonst würde mir ja garkeiner zuhören." sagte die Alte mit einem gespielt mürrischen Ton und lachte. Ich wurde neugierig, lehnte mich in einiger Entfernung an den Zaun und lauschte der zittrigen Stimme der Hobbitdame.

"Hab' ich euch eigentlich schon die Geschichte von Schneeflöckchen und den zwölf Räubern erzählt?" fragte sie die Kinder. "Mindestens schon hundert mal." seufzte ein Junge und ein Mädchen bestätigte: "Ja, die kennen wir schon." - "Und die von den siebenhundert blutroten Rubinen?" fragte Mütterchen Tuk. "...die sich in Zwerge verandeln und eine Reise durch das ganze Land machen, bis sie am Ende von einem Drachen gefressen werden. Kennen wir schon." - "Alter Hut." sagten die Kinder. "Dann kennt ihr sicher auch schon die Geschichte von Prinzessin Riechgut und ihren zwei Verehrern, hm?" fragte die Alte geduldig. "Prinzessin Riechgut?" wiederholte ein Mädchen. "Nein, die kennen wir noch nicht" sagte einer der Jungs. "Erzählst du uns die?" Ein gutmütiges Lächeln huschte über Mütterchen Tuk's Gesicht.

"Damals, als in Michelbinge noch nicht ein einziges Smial stand," begann sie ihre Geschichte, "gab es weit im Norden des Auenlandes, ungefähr da, wo heute Dachsbauten ist, eine Familie mit dem Namen Riechgut. Das Oberhaupt der Familie, Väterchen Riechgut, war ein alter und weiser Mann, der schon viele Länder bereist hatte. Er war Gewürzhändler und schaffte Gewürze aus der ganzen Welt ins Auenland, die hier noch völlig unbekannt waren und unsere Köche zu Experimenten und Versuchen verleiteten, aus denen unsere wundervolle Kochkultur entstanden ist. Mütterchen Riechgut kümmerte sich derweil um den Garten, stellte einige Duftwässerchen mit Hilfe der Gewürze und der angebauten Kräuter her und zog ihr Kind groß. Die beiden nannten ihre einzige Tochter immer nur Prinzessin, obwohl sie garkeine richtige Prinzessin war. Aber sie entwickelte sich zu einem der hübschesten Mädchen im ganzen Auenland und darüber hinaus.

Ein so hübsches Mädchen war natürlich bei den Junggesellen aus dem Umkreis sehr begehrt und so kam es, dass immer wieder jemand um ihre Hand anhielt. Den meisten der Jungs sagte sie, sie sollen dort hingehen, wo der Pfeffer wächst und einige machten sich in der Hoffnung auf ein Treffen tatsächlich auf den Weg und sitzen wahrscheinlich heute noch in irgendeinem Pfefferfeld." Ein paar Kinder kicherten. "Aber zwei von ihnen mochte sie wirklich, die erkor sie zu ihren Prinzen aus. Natürlich waren auch sie keine richtigen Prinzen, aber sie nannte sie Prinz Spitzkinn und Prinz Kugelrund. Was meint ihr, wie die beiden Prinzen aussahen?" - "Prinz Spitzkinn hatte bestimmt ein spitzes Kinn und war sonst total süß." schwärmte ein Mädchen seinen Vorstellungen nach. "Und Prinz Kugelrund war bestimmt noch runder als der alte Weißfuß." lachte ein Junge, worauf einige der Kinder dem Lachen einstimmten. "Beinahe." sagte Mütterchen Tuk. "Es war nämlich genau umgekehrt. Prinz Kugelrund hatte das spitze Kinn und Prinz Spitzkinn war rund wie ein Kugelkuchen. Aber nur sie wusste, wer welchen Namen hatte und natürlich dachten alle, dass sie genau den anderen meinte, wenn sie von einem der beiden sprach.

Um herauszufinden, wer für ihre Tochter der geeignete Partner war, stellte Väterchen Riechgut den beiden Prinzen eine schwere Aufgabe. Er kannte sich mit Gewürzen aus wie kein anderer und wusste von einer Legende, einem Gewürz, von dem man sagte, es könne einem Schwachen die Kraft zurückgeben, einem Sterbenden das Leben bringen und einem Einsamen die Liebe zeigen. Und so trug er ihnen auf, die letzte sagenumwobene Pflanze, die man den smaragdgrünen Balrogzeh nannte, zu finden, zu pflücken und zu ihm zu bringen. Man sagte, sie würde in den Trollhöhen wachsen, tief unten in einer Höhle, in der die Trolle sich tagsüber versteckt halten. Also machten sich Prinz Spitzkinn und Prinz Kugelrund auf die Reise zum Rand des Auenlands, quer durch das Breeland, in dem die Menschen wohnen, bis tief in die Trollhöhen hinein, um das Herz ihrer Geliebten zu gewinnen.

Väterchen Riechgut war fest davon überzeugt, dass es sich beim smaragdgrünen Balrogzeh nur um eine Legende handelte und die beiden leichtgläubigen Dümmlinge von den Trollen zerquetscht werden würden. Er war froh, diese beiden Bauerntrampel losgeworden zu sein und plante schon, wie er seine heißgeliebte Tochter mit dem Sohn des wohlhabenden Ortsvorstehers zusammen bringen könnte. Aber er hatte nicht mit der Hartnäckigkeit der beiden Hobbits gerechnet. Prinz Kugelrund und Prinz Spitzkinn waren nämlich mittlerweile tief in die Trollhöhle vorgedrungen, völlig unbemerkt, denn die Trolle waren auf ihrem nächtlichen Beutezug. Sie suchten jeden Winkel, jede Ecke der Höhle ab und hatten sich geschworen, gemeinsam um ihr Leben zu kämpfen, wenn es sein musste, hauptsache sie würden dieses Abenteuer überleben. Derjenige, der die Pflanze finden würde, dürfte sie behalten und um die Hand der Prinzessin anhalten, so ihre Abmachung. Und tatsächlich, im letzten Winkel der Höhle fand Prinz Spitzkinn eine Pflanze, die einen smaragdgrünen Schimmer ausstrahlte und über Blüten und Blätter verfügte, die wie kleine Zehen aussahen. Das musste der smaragdgrüne Balrogzeh sein! Er pflückte sie mit aller gebotenen Vorsicht und steckte sie sorgsam in seine Tasche, als Prinz Kugelrund zu ihm stieß. Einen Augenblick lang war er am Boden zerstört, wollte sich sogar den Trollen zum Fraß vorwerfen, weil er die Pflanze seinem Mitstreiter überlassen musste, doch er besann sich schnell eines besseren und gerade als sie sich auf den Weg nach draußen machen wollten, fing die Erde an zu beben. Die Sonne ging auf und die Trolle kamen zurück in ihre Höhle.

Die beiden Prinzen verkrochen sich so weit es ihnen möglich war in einer Ecke und zitterten wie Espenlaub, als die riesigen Trolle, denen sie nicht einmal bis zum Knie reichten, an ihnen vorbei stapften. Der kugelrunde Prinz Spitzkinn dachte daran, was für eine große Feier ihn erwarten würde, wenn er das überleben, im Auenland ankommen und um die Hand seiner Prinzessin anhalten würde. Der spitzkinnige Prinz Kugelrund hingegen dachte daran, wie qualvoll und furchtbar es für ihn werden würde, zuzusehen, wie der andere Kerl da sein hochgeschätztes Mädchen ehelichen wollte. Da kam ihm ein furchtbarer Gedanke in den Sinn. Wenn die Trolle Prinz Spitzkinn erwischen würden, würden sie ihn zerquetschen und er, Prinz Kugelrund, könnte sich in der nächsten Nacht die Pflanze holen und die Prinzessin für sich beanspruchen. Er könnte einfach sagen, er wüsste nicht, was mit dem anderen Prinzen geschehen sei und niemand würde je dahinter kommen." - "Wie gemein!" protestierte ein Mädchen. "Ja, was ein fieser Hund." stimmte ein anderes zu. "Pssst!" mahnte einer der Jungs, der wissen wollte, wie es weiterging. Auch ich lauschte der Geschichte gespannt.

Mütterchen Tuk fuhr nach einer kleinen Pause fort, in der sie einen Schluck Wasser zu sich nahm. "Prinz Kugelrund flüsterte Prinz Spitzkinn zu, dass er befürchtete, jeden Moment entdeckt zu werden. Er sagte, er habe tierischen Kohldampf, müsse dringend sein Geschäft erledigen und spätestens wenn er gleich pupsen würde, wäre alles zu spät, weil die Trolle das unmöglich überriechen konnten." Die Kinder kicherten. Auch ich konnte mir ein Schmunzeln nicht verkneifen. "Schließlich überzeugte er Prinz Spitzkinn davon, sich vorsichtig von einem Versteck zum nächsten vorzuarbeiten, bis sie aus der Höhle rauskamen. Dieser wartete, bis die Wache ihre nächste Runde vorbei gegangen war und machte sich auf den Weg. Prinz Kugelrund aber lachte sich in's Fäustchen und blieb genau da, wo er die ganze Zeit schon wartete, in der Hoffnung, dass der kugelrunde Prinz bald ein platter Prinz war.

Prinz Spitzkinn aber merkte bald, dass die meisten Trolle bereits tief und fest am schlafen waren. Leise und vorsichtig bahnte er sich seinen Weg nach draußen und versteckte sich immer dann, wenn ein Wachtroll an ihm vorbeikam, bis er endlich das Tageslicht erblickte und sich in einiger Entfernung zu der Höhle am Wegesrand niederließ, um etwas zu essen und auf seinen Begleiter zu warten. Er wartete und wartete, bis die Sonne kurz vor dem Untergang war. Dann versteckte er sich in einem nahegelegenen Gebüsch und beobachtete den Höhleneingang und die Trolle, die gemächlich ihre Unterkunft verließen. Prinz Kugelrund lief unterdessen durch die Höhlengänge und suchte nach seinem toten Freund um ihm den smaragdgrünen Balrogzeh abzunehmen. Er suchte und suchte und suchte so lange, bis er sich völlig verirrt hatte und unvorsichtig ein paar Trollen, die gerade im Begriff waren, aufzustehen, in die Arme lief. Die hoben ihn hoch und brachten ihn zu ihren Freunden am Eingang, wo ein großer Tumult um den Eindringling ausbrach. Sie stritten sich, weil jeder ein Stück der Beute haben wollte und zerrten an ihm, rissen ihm die Arme und Beine aus und seinen Körper entzwei und verspeisten ihn, bis nichts mehr von Prinz Kugelrund übrig war." Die Kinder verzogen das Gesicht. "Der Arme." sagte einer. "Hatter doch verdient," antwortete ein Mädchen, "der doofe Verräter!"

Prinz Spitzkinn wartete so lange, bis alle Trolle ausser Sichtweite waren und nahm die Beine in die Hand. Er lief und lief, bis er das Breeland erreichte und dreieinhalb Tage später kam er wieder im Auenland an. Väterchen Riechgut war überrascht und sehr beeindruckt, den jungen Mann überhaupt wiederzusehen, dachte aber nicht im Traum daran, dass dieser das Gewürz erbeutet hatte und empfing ihn auf's herzlichste. Als Prinz Spitzkinn ihm den smaragdgrünen Balrogzeh präsentierte, konnte Väterchen Riechgut es nicht fassen. Er hatte schon genau geplant, wie er seine Tochter mit dem wohlhabenden Jungen verkuppeln wollte und wie reich er dadurch würde, und all diese Träume platzten mit einem Mal und vor lauter Enttäuschung hörte sein Herz auf zu schlagen und er fiel auf der Stelle tot um. Prinz Spitzkinn aber hielt um die Hand von Prinzessin Riechgut an und sie heirateten und bekamen einen ganzen Batzen Kinder, von denen einige erfolgreiche Trolljäger und Gewürzsucher wurden und sich in ganz Mittelerde niederließen. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann jagen sie noch heute Trolle und suchen nach dem sagenumwobenen smaragdgrünen Balroghzeh." - "Boah, eine tolle Geschichte." sagte ein Junge. "Ja, wirklich prima." stimmte sein Kumpel zu. "Erzählst du uns noch eine, Mütterchen Tuk?" fragte ein Mädchen. "Nein, heute nicht, Kinder. Ich bin müde und brauche etwas Ruhe. Vielleicht morgen wieder, ja?" antwortete die Alte. "Au ja, morgen!" - "Ich weiß auch schon, was ich euch morgen für eine erzähle." sagte Mütterchen Tuk geheimnisvoll. "Welche denn?" fragten mehrere Kinder gleichzeitig. Die Alte lächelte. "Morgen erzähle ich euch von einem furchtbaren Drachen, der von ein paar Zwergen und einem Hobbit ausgetrickst wurde." - "Uiii!" raunten die Kinder. "Das wird sicher spannend!" - "Dann bis morgen." - "Ja ja, bis morgen, Mütterchen Tuk." antworteten die Kinder und verstreuten sich in die Smials von Michelbinge, vermutlich zum Mittagessen. Auch ich machte mich wieder auf den Weg, um endlich zum Ziel meiner Reise zu gelangen.
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Am Ziel

Es war nicht sonderlich schwer, den Ofen zu finden, an dem die jungen Hobbits das Meisterwerk erlernten, ich musste lediglich dem fantastischen Geruch, von dem ich mir wünschte, ihn greifen, an mich reißen und immer mit mir zu tragen, folgen. "Frau Unterberg, mach' ich das so richtig?" fragte einer der Jünglinge die Hobbitdame, die die Lehrerin zu sein schien. "Aber sicher." antwortete diese, "Schau mal, ich zeig' dir einen Trick." Sie nahm zwei Eier in eine Hand und drückte sie so geschickt aneinander, dass beide genau in der Mitte zersprangen und das Innere brutzelnd in der gußeisernen Pfanne landete. Der Junge versuchte es ihr gleichzutun, nahm zwei Eier in eine Hand und drückte, so dass sie zerplatzten und ihn und alle um ihn herum mit ihrem glibbrigen Eiweiß bespritzten. Frau Unterberg lachte. "Schau mal, so..." Sie nahm seine Hand und zeigte ihm den Trick, der daraufhin funktionierte. Der Junge strahlte.

Ich ging zu ihr. "Entschuldigung? Frau Unterberg?" Sie drehte sich um und lächelte, dann sah sie nach oben. "Ähm... ja, bitte? Wie kann ich Ihnen helfen?" - "Ich..." Ich stutzte. Alle Hobbits, ihre Schüler, die anderen Lehrer, einfach jeder auf diesem Platz sah mich an. "Ich würde gerne... ich... also..." - "Sie würden gerne...?" - "Ich... ich würde gerne Ihr Lehrling werden." Sie lachte laut auf. "Mein Lehrling? Ein Mensch? Ha!" Anschreien? Ja. Entsetzt sein? Ja. Fortschicken? Ja. Mir eine Aufgabe geben? Ja. Aber lachen? Nein, das war so ziemlich die einzige Reaktion, mit der ich nicht gerechnet hatte. "Wissen Sie denn schon, was eine Pfanne ist?" fragte sie neckisch. Ich schmunzelte. Sie hielt mich wohl für einen völligen Neuling auf dem Gebiet. "Natürlich weiß ich das. Und kochen kann ich auch, aber..." - "Kochen können Sie?" Sie lachte abermals. "Was denn? Spiegelei und trockene Schnitzel? Ha!" - "Also nun hören Sie mal..." entgegnete ich entrüstet. "Nein, Sie hören mal, schließlich wollen Sie ja was von mir, nich wahr? Ich bin hier mitten in meinem Unterricht und wenn Sie tatsächlich so überzeugt von Ihrer Kochkunst sind, was wollen Sie dann eigentlich von mir?" Ich stutzte. "Aha, ich verstehe. Sie sind Anfänger, was? Und Sie wollen mehr von mir lernen, wie? Ich sag' Ihnen mal was: Wenn Sie mir ein Gericht zubereiten, das ich nicht gleich wieder ausspucke, dann bringe ich Ihnen meine Tricks bei. Aber das wird nicht einfach, also strengen Sie sich gefälligst an! Und jetzt lassen Sie mich in Ruhe meinen Unterricht beenden. Auf auf, an's Werk!"

Ich stand noch ein paar Minuten sprachlos da, bis ich meinen Auftrag realisierte. Mein bestes Gericht zubereiten... Ich überlegte, was ich alles für Gewürze bei mir trug. Rosmarin, Kardamom, Pfeffer und Salz natürlich, etwas der duftenden Gewürzlilie von den Wetterbergen war auch noch da, ein wenig Koriander, Engelswurz und Stinkasant, getrocknete Petersilie und Liebstöckel, ein paar Gramm Labkraut und sogar einen gehächselten Rohanfarn, etwas Breer Dreifuß und sogar das Holzgewürz aus Froschmoorstetten, also die besten Gewürze für eine hervorragenden Marinade. Ich ging meine besten Rezepte im Kopf durch und beschloß, einen Eintopf mit mariniertem Fleisch zuzubereiten. Fehlten nurnoch die frischen Zutaten. Welch ein Glück, dass Zutaten für ein zünftiges Mahl in Michelbinge nun wirklich kein Problem darstellten.

Zufällig traf ich auf dem Marktplatz den Hobbit wieder, der mir in Hobbingen die Salamanderfleisch-Geschichte erzählt hatte. Er zog einen ganzen Wagen hinter sich her und wollte sich gerade daran machen, einen Stand für seine Ernte aufzubauen. "Guten Tag auch!" sagte ich freudig. "Ah, schau he! Diesma mit'ne Buchs, hm?" Ich lächelte freundlich. "Magst ma helf'n, 'n Stand oofzuboon?" - "Wenn's nicht allzu lange dauert, gerne. Ich bin etwas in Eile." - "Ah, Eele mit Weele, mi Jung. Des geht ratzfatz, hm!" Und tatsächlich, keine zwei Minuten später stand der Stand. Wir mussten nur an vier Stangen ziehen um das Dach auszuklappen, selbige mit Splinten befestigen und die Holzbeine in die Karre stecken, schon waren wir fertig. Der Hobbit deckte seine Ware ab. Ich sah sie interessiert durch. "Broochst wat?" fragte er. "Allerdings," antwortete ich, "einen Bund Frühlingszwiebeln... drei Möhren, ein paar Radieschen und eine Handvoll der besten Kartoffeln." - "Ha! Meene Kartöffelkes sin' alle de beste, hm!" Er packte die Sachen in einen dünnen Beutel und reichte ihn mir. "Was macht das?" - "Ah geh, dat is für's helfe beim Uffboo." - "Dann vielen Dank." Er nickte und ich machte mich auf zum Jäger.

Nachdem ich zweimal nachgefragt hatte, fand ich endlich die Hütte des Michelbinger Jägers. Eigentlich war sie kaum zu übersehen, schon vor seinem Smial hatte er allerlei Felle zum trocknen aufgehängt und aus seinem Schornstein quoll weißer Qualm, wohl aus der Räucherkammer. Ich klopfte an. "Jaha!" schallte es von innen, "Herrehein!" Also öffnete ich die runde Tür und betrat das Smial des Jägers.

Seine Einrichtung passte so garnicht zu meinem Eindruck von Michelbinge. Nicht, dass es unangenehm war, es war eher... anders. Die Wände waren aus Holz und vom Rauch dunkel gefärbt, an den Wänden hingen Felle und ausgestopfte Tierköpfe von Wölfen, Bären und Hirschen, überall standen präparierte Tiere auf Sockeln herum. Auf einem Sockel stand ein Dachs, daran stand 'Dachs aus Dachsbauten', auf einem anderen ein 'Fuchs aus Lützelbinge', ein 'Hase aus Buckelstadt', ein 'Eichhörnchen aus Stock', in der Ecke stand ein 'Braunbär aus dem Alten Wald' und eine 'Schneekatze aus Duillond' und etwas verstaubt im Hintergrund sogar ein 'Keiler aus Evendim', direkt unter einem 'Crebain aus dem Breeland', der an der Wand angebracht war. Aus einem Nebenraum rief der Jäger "Bin sofort daha." und nach ein wenig Klappern, Ächzen und einem seltsam schmatzenden Geräusch kam er auch schon durch die Tür, in einer blutverschmierten Schürze sich die Handschuhe ausziehend. Als er mich sah stutzte er einen Augenblick. "Oh, mit so großem Besuch hätte ich nun nicht gerechnet." Er lachte verlegen. "Was kann ich für Sie tun, der Herr?" - "Nun, ich bräuchte etwas frisches Fleisch." - "Oh, das ist kein Problem, gaharkein Problem. Von welchem Tier soll's denn sein? Hase? Fuchs? Eichhörnchen? Bär? Oder vielleicht Wolf? Alles gahanz frisch, heute und gestern erlegt, jaha!" Er überschlug sich fast beim reden. "Ein Hase und eine Bärenlände wären prima." sagte ich. "Gut, gut... wieviel darf's denn sein? Für eine große Feier oder ein kleines Mittagessen? Oder für einen zweisamen Ausflug in's Grüne?" Er zwinkerte und grinste bei den Worten. "Nur für einen kleinen Eintopf." antwortete ich. "Für ein Mittagessen. Aber bitte nur das Beste," einen Moment lang sah es aus als fühle sich der Jäger beleidigt, "es ist für Frau Unterberg." dann hob er erstaunt die Augenbrauen. "Oho, für Juwela? Dann bekommen Sie selbstredend das Allerbeste vom Besten, nur einen kurzen Augenblihick Geduld." Und schon war er wieder in seinem Hinterzimmer verschwunden.

Es roch seltsam in der Jägershütte. Der Geruch von Blut und totem Fleisch mischte sich mit dem von Buchenholz und allerlei Gewürzen. Ein leichtes Stechen in der Nase, aber kein unangenehmes, irgendwie verschmolzen die Düfte zu einem angenehmen Ganzen, das mir das Wasser im Mund zusammenlaufen und die Vorfreude auf das Kochen wachsen ließ. Der Jäger kam zurück, bepackt mit einem Riesenbatzen Bärenfleisch, in dem ich nicht eine Sehne oder unnötiges Fett ausmachen konnte und dem wahrscheinlich größten und kräftigsten Hasen, den ich je gesehen habe. "Oh, das ist..." - "Das Beste vom Besten! Ach, was rede ich, das ist besser als das Beste vom Besten, das hier ist das allerfeinste Fleisch, das Sie je kosten werden. Macht zwei Silber fünfundsiebzig, weil's für Juwela ist. Sie sind wohl ihr neuer Schüler, wie?" - "Naja, ich arbeite daran." sagte ich und zählte das Geld ab. "Na dann viel Glühück... und grüßen Sie sie lieb von mir, ja?" - "Selbstverständlich." nahm ich das Fleisch und verabschiedete mich.

Meine letzte Besorgung war ein Stück frische, feine Butter, die ich von einem Bauer aus eigener Herstellung erwarb. Sie war goldgelb und machte den Eindruck, geradezu in der Hand zerfließen zu wollen, so zart und cremig war sie. Perfekt für meinen Eintopf und die Marinade. Da ich nun alle Zutaten beisammen hatte, begab ich mich zurück zur Kochstelle. Frau Unterberg war zwar nicht mehr da, aber der Ofen glühte noch vor sich hin, also konnte ich mich an die Arbeit machen.



Leidenschaft

An einer Tür gegenüber des Ofens stand "Gildenhalle der Meisterköche", die mich zwar nicht hinein lassen wollten, mir aber freundlicherweise mit zwei Schüsseln, einem großen Topf und einem Brettchen aushalfen. Alles andere was ich brauchte trug ich bei mir.

Zu allererst stellte ich meine Pfanne an den Rand des Ofens, damit sie schonmal anwärmen konnte. Dann zog ich einen kleinen Topf und den Schlauch Wasser aus meinem Rucksack, den ich in Arthurs Lager gekauft hatte. Auf ein kleines Mäuerchen legte ich meine Gewürzbeutelchen aus, eins neben das andere. Die Schüsseln stellte ich auf einen kleinen Holzblock, den ich mir heranzog und das Brettchen landete auf dem Ofenvorsprung, dort, wo das Feuer kaum Hitze erzeugte. Daneben ordentlich sortiert mein kleines Messersortiment - ein Schälmesser, ein Fleischmesser, ein Gemüsemesser, ein Buttermesser, ein Hackmesser und ein Allzweckmesser, zusätzlich einen Lederriemen zum schärfen, den ich mit einem Ende an meinem Hosenbund, mit der anderen an meinem Schuh befestigte und so spannte. Die gesammelten Zutaten legte ich ebenfalls nebeneinander auf die Mauer, von den Kartoffeln bis zu dem Schlauch Wasser. Meine Kelle hang ich an den Rand des großen Kochtopfs, zum umrühren. Irgendwas vergessen? Nein. Also los.

Erst einmal schnitt ich das Bärenfleisch in Scheiben, die Scheiben in Streifen und die Streifen in würfelförmige Stückchen. Das Messer glitt durch das zarte Fleisch wie durch Tomatenfleisch. Die Stückchen landeten allesamt in der größeren Schüssel. Ein Viertel der Butter ließ ich langsam in der Pfanne schmelzen, während auf dem Brettchen Rosmarin, Engelswurz, Koriander, etwas Dreifuß und eine gesunde Prise Salz und Pfeffer zu Staub zerhackt und vermischt wurden. Das Gemisch kam über das Bärenfleisch und ich verarbeitete eine Möhre und ein paar Frühlingszwiebeln in winzig kleine Stückchen, die zusammen mit der geschmolzenen Butter ebenfalls zu dem Fleisch kamen. Das Ganze wurde mit Wasser übergossen, bis das Fleisch darin schwamm und die Schüssel kam auf den Ofen, so, dass sie gut warm wurde ohne dass das Gemisch anfing zu kochen.

Dann nahm ich mir den Hasen vor. Das Bärenfleisch war fester, die Fasern des Fleisches enger zusammen, deswegen musste das etwas länger ziehen und zuerst vorbereitet werden. Den Hasen also schnitt ich mit einem gekonnten Griff auf, entnahm die Innereien und zog ihm das Fell ab. Darin war ich geübt, das hatte ich daheim bis zum Umfallen machen dürfen. Das Hasenfleisch trennte ich sorgsam vom Knochen, schnitt jede Sehne und jeden Fitzel Fett heraus bis nurmehr das feinste Fleisch übrig war. Dieses verarbeitete ich dann wiederum zu Würfelstückchen, die etwa halb so groß waren wie die Bärenfleischwürfel und schob sie in die etwas kleinere Schüssel. Dann kam der kleine Topf zum Einsatz, in dem ich wieder ein viertel der Butter zum schmelzen brachte und sie leicht anbrennen ließ, um einen rauchigen Geschmack zu erzeugen. Währenddessen bereitete ich die lieblichen Gewürze wie Engelswurz, Liebstöckel und die Gewürzlilie vor, mischte sie mit einer Prise Pfeffer und rührte sie unter die Butter. Damit war die Marinade für den Hasen fertig und wurde über das Fleisch gegossen, mit Wasser aufgefüllt und ebenfalls erwärmt.

Meine Hände arbeiteten wie von selbst. Ich genoss den Duft der Zutaten und die Veränderung, die ich ihm zufügte. Nichts ist großartiger als über die Finger das Entstehen eines neuen Geschmacks, eines Genusses in sich aufzusaugen, zu sehen und zu riechen, dass man aus unscheinbaren Zutaten etwas neues erschafft. Ich probierte nicht einmal, ob die Mischung gut war, ich spürte es einfach. Die golden schimmernden Kartoffeln schälten sich wie von selbst und wurden nicht gewürfelt sondern in kleine Pyramiden geschnitten, die Radieschen verarbeitete ich zu kleinen Röschen und die beiden Möhren schnitt ich in Scheiben, wobei ich in manche davon sogar ein Gesicht einritzte, einfach weil ich Spaß daran hatte. In einem Schuss Wasser dünstete ich die Radieschen und die Möhrenscheiben dann, bevor sie in dem großen Topf landeten. Mit einem Stückchen Butter briet ich die Kartoffeln goldgelb, von jeder Seite, bis sie perfekt knusprig und doch saftig waren und gab sie ebenfalls in den Topf, den ich nun auf den Ofen stellte, damit er warm blieb. Einen Schuss der beiden Marinaden dazu und abwarten, dass es anfängt zu köcheln. Währenddessen schnitt ich die restlichen Frühlingszwiebeln in hauchdünne Ringe, ein unglaublich frischer, leicht süßlich-scharfer Duft umspielte meine Nase.

Als alle Zutaten im Kochtopf waren, briet ich das Fleisch an. Zuerst das Hasenfleisch, knusprig zart, bis es von selbst zu zerfallen drohte. Es roch unglaublich gut und bruzelte appetitanregend vor sich hin. Dann das Bärenfleisch, so, dass alle Seiten kross waren, alle Poren des Fleisches verschlossen und mit einem leichten, dunkelbraunen Rand, dass es gut durchgegart und trotzdem noch saftig war. Zu guter Letzt landete auch das in dem großen Topf und die Butter sowie ein guter Schuss Wasser füllten den Eintopf, der nun gekocht werden konnte. Nun hieß es, ihm mit Hilfe der Gewürze zu einem würdigen Abschluss zu verhelfen.

Ich würzte, was das Zeug hielt. Dreifuß, Labkraut, Pfeffer... noch eine Prise Petersilie, etwas Kardamom... bis der Duft mich beinahe dazu brachte, selbst alles aufzuessen. Ich kostete. Es war perfekt. Nicht so gut wie das Festmahl von den Hobbits, aber wohl das Beste, was ich bisher gekocht hatte. "Riecht ja ganz ordentlich." quäkte eine Stimme hinter mir. Ich erschrak. Frau Unterberg stand da, die Fäuste in die Hüften gestemmt und sah mir über die Schulter. "An Leidenschaft mangelt's Ihnen nicht, was? Und an Talent auch nicht. Schauen wir mal, wie's mit dem Können aussieht." Ich fragte mich, wie lange sie da schon gestanden haben mag. "Augenblick noch." sagte ich. "Wie Augenblick noch? Was denn?" - "Es ist noch nicht ganz fertig." Sie sah mich überrascht an. "Warten Sie bitte noch einen Moment, Frau Unterberg." - "Mh... nagut." grummelte sie und setzte sich auf die Mauer. Ich zögerte. Dann gab ich noch eine Prise des Froschmoorer Holzgewürzes dazu und probierte erneut. Eine gute Entscheidung, wie ich fand, es verlieh dem Ganzen eine außergewöhnliche Note. Aus meinem Rucksack zog ich einen Teller und einen Löffel, rührte den Eintopf noch einmal gründlich um und gab eine Kelle voll auf den Teller, den ich Frau Unterberg reichte.

Sie schnupperte ausgiebig an dem dampfenden Essen. "Mhm... riecht nicht übel, garnicht übel." Dann kostete sie einen Löffel und verzog das Gesicht. Vorsichtshalber, wie sich zeigte, denn schnell entspannte sie es wieder und begann langsam zu kauen. Ein leichtes Lächeln huschte über ihr Gesicht. "Mh... erst scharf... dann süß... und dann würzig." murmelte sie. "Nicht Übel, wirklich nicht übel. Jedenfalls für einen Menschen, versteht sich. Immerhin essbar." Sie seufzte. "Herrje... das heißt, ich muss Sie jetzt unterrichten, richtig?" Ich lächelte und nickte. "Also gut. Betrachten Sie sich als mein Lehrling. Aber zu allererst besorgen Sie sich mal eine vernünftige Schürze, klar? Halfred macht Ihnen eine auf meine Kosten. Also los, los, worauf warten Sie noch?"



Fin.

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Elb zum Zwerg: "Lass uns verschwinden, da sitzt ein Drache auf dem Schatz."
Zwerg zum Elb: "Schon, aber da ist ein Schatz unter dem Drachen."

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28.07.2010 01:43 Gazania ist offline E-Mail an Gazania senden Beiträge von Gazania suchen Nehmen Sie Gazania in Ihre Freundesliste auf
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